recenseo.

Texte zu Kunst und Philosophie.

 

Danto, Arthur C.: Abbildung und Beschreibung. -in: Boehm, Gottfried (Hrg.): Was ist ein Bild? München, 1995.

1. Vorbemerkungen

In der vorliegenden Arbeit sollen die Ausführungen Arthur C. Dantos in seinem Aufsatz "Abbildung und Beschreibung", der 1982-83 zum ersten Mal in englischer Sprache erschien, behandelt werden. (1)  Ich hoffe, die Gedanken Dantos klar darzulegen und mit einer eventuellen Kritik, die vor allem auf die Auffassung Wittgensteins durch Danto zielt, wie sie in zahlreichen Tractatus-Zitaten Dantos zu Tage tritt, Dantos Intentionen nicht zu verfehlen.

2. Mimesis und Diegysis - Entfaltung der Kernfrage

Gleich auf der ersten Seite seines Aufsatzes unterscheidet Danto zwei Arten der Darstel-lung; ich nenne sie hier "Darstellung A" und "Darstellung B": Darstellung A ist das wesentliche Moment der Bildverwendung im Gegensatz zur erweiter-ten Darstellung B, die in der Wortsprache zur Geltung kommt, und die aber auch Charakte-ristika der Darstellung A beinhalten kann. Das heißt, um das Ganze ein wenig zu erläutern, daß wir Darstellung A mit einer unmittelbaren Handlungswiedergabe vergleichen können, wie sie der Schauspieler auf einer - in den Hintergrund tretenden und nicht selbst thematisier-ten - Bühne vornimmt.(2) Darstellung A ist also eine mehr oder weniger mimetisch charakterisierte Darstellungsart, die um ein gewisses Maß an Naturalismus bemüht ist, wie auch um eine möglicht perfekte illusionistische Darstellung eines Dargestellten welcher Art auch immer; Danto beansprucht diese Darstellung A gleich von Anfang an für die sogenannte "bildliche" Darstellung, dh. für Portraits von Menschen, oder auch visuellen Strukturen zur Darstellung von Handlungszu-sammenhängen, z.B. das Verhalten eines in Tätigkeit begriffenen Schauspielers auf der Büh-ne. (3)   Diese bildliche Darstellung nennt Danto nach Platon "Mimesis". Mimesis kann im oben gegebenen Fall in der bildlichen Darstellung erfolgen, wobei sich hier ein sprachliches Ab-grenzungsproblem zur mimetischen Verwendung von Wörtern ergibt, welches noch dadurch verstärkt wird, daß Mimesis auch auf Wortebene stattfinden kann. Was die Wortebene be-trifft, so werden die Möglichkeiten der Darstellung gleich durch sogenannte "diegetische" Darstellungsmöglichkeiten, das Substantiv heißt "Diegysis", erweitert. Die Vereinigung von mimetischen und diegetischen Darstellungsmöglichkeiten konstituieren die "Darstellung B", die Darstellung im erweiterten Sinn.  Darstellung A ist also charakteristisch für bildliche Darstellung, dh.: Bilder müssen sich den Maßstäben und Möglichkeiten der Mimesis unterwerfen, während die Wortsprache sich der erweiterten Möglichkeiten von Abbildung und Beschreibung, also Mimesis und Diegysis, also Darstellung A und Darstellung B bedienen kann. Weil die Wortsprache sich beider Mög-lichkeiten bedienen kann - im Gegensatz zum Bild -, gilt: "Die tiefgreifende Unterscheidung zwischen den beiden Arten der Darstellung wäre uns also auch verfügbar, wenn die Bilder aus irgendeinem Grunde nie erfunden worden wären, und die Wörter unser alleiniges Mittel der Darstellung wären."(4)  Dies möchte Danto an einem interessanten Beispiel verdeutlichen: an William Hogarth. Danto bezieht sich auf dessen Kupferstiche, welche ein Vorher und ein Nachher, also eine zeitliche Abfolge von Geschehnissen und damit eine Narration implizieren, welche jedoch erst über das Sprechen über die Bilder deutlich wird.  Danto hierzu: "Der reiche Gehalt dieser Kupferstiche [gemeint sind die Kupferstiche Hogarths; der Verfasser] muß ... herausgebracht werden, indem man über sie spricht." (5)  Danto differenziert hier also auch wieder in die Darstellung A, die die Kupferstiche zustandebringt, und die Darstellung B, die auf Seiten des Betrachters erfolgt und dazu führt, daß das Erzählen der Bilder eigentlich eine Leistung des betrachtenden Subjektes und nicht des betrachteten Objektes ist. Daraus legitimiert sich Danto zufolge das Schaffen bedeutender Kunstkritiker, wie  Lichtenberg. "Es war also nicht nur künstlerisches Unvermögen, das Lichtenberg veranlaßte, über die Bilder zu schreiben, anstatt einen Kommentar in Form von Bildern abzugeben." (5)  Um das Ganze zu verschärfen: Danto geht davon aus, daß gerade bei solchen Bildern, nämlich bei Kunstgegenständen, diegetische Darstellung an das Kunstwerk, an das Bild, durch das anschauende Subjekt herangetragen wird und diese damit eine kognitive Leistung des Subjektes ist, während das Bild in seiner bildlichen Darstellung nur etwas auf mimeti-schem Weg wiedergibt. Alles Erzählen über einen Sachverhalt, der im Bild dargestellt wird, erfolgt also durch den Betrachter. Mithin könnte man meinen, das Tun des Betrachters benö-tigte keinen Anhaltspunkt zur Legitimation aus dem Bild heraus, wenn Danto fragt: "...könnte jemand sehen, was Steinberg [ein anderer Kunsthistoriker; der Verfasser] uns zu sehen lehrte, ohne Steinberg gelesen zu haben - oder könnte er es sehen, ohne so viel wie er gelesen zu haben?"(6)  Generell enthält die Rede von der Mimesis ein wichtiges Problem: Mimesis als solche kann nur approximativ verfahren, ist also nicht in Reinform vorhanden. Mimesis ist an den Unterschied zum Abgebildeten gebunden, weil sonst der Abbildcharakter der Abbildung verloren geht und man dann fragen kann, was denn nun wessen Abbild sein soll. Danto behandelt dieses Problem vor allem im Hinblick auf Wittgenstein erst später. (7)  Weiterhin unterläßt es Danto, die an sich plausible These zu erklären, warum im Bild nur Mimesis vorliegen kann; und er stiftet auch etwas Verwirrung, wenn er im Hogath-Zitat vom "reichen Gehalt" der Hogarth-Kupferstiche spricht, der dann durch die Tätigkeit des Betrach-ters herausgebracht wird. Es stellt sich nämlich die Frage, wieweit Diegese vom Abbildenden intendiert und damit im Bild angelegt ist.(8)  "Mimesis" ist also, so wie ich Danto verstehe, lediglich das "Zeigen" von etwas, das auf etwas anderes referiert; "Diegysis" stellt dann das "Sagen" dar, was dargestellt ist.  Hier setzt Dantos Wittgenstein-Lektüre ein. Danto überträgt den Begriff der "Mimesis" auf Wittgensteins Elementarsätze im Tractatus.(9)  Diese Elementarsätze sollen die Tatsachen, das sind wahre Sachverhalte, die sich zu komplexeren Sachlagen verdichten können, "zeigen". "Diegysis" bezeichnet dann die Komplexe von Sätzen, die diese Tatsachen "aussagen".  (10) Die Begriffe "zeigen" und "sagen" bedürfen, wendet man sie auf Mimesis und Diegysis an, einer Erklärung. Dazu wird im folgenden Stegmüller herangezogen, der in "Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie" mit Hilfe von E. Stenius eine kurze Einfüh-rung in den Tractatus gibt. (11)  Stegmüller unterscheidet eine syntaktische und eine semantische Komponente der Abbild-theorie Wittgensteins: "Wir verstehen den Sinn eines Satzes dadurch, daß wir ihn als isomor-phes Bild des durch ihn beschriebenen Sachverhaltes auffassen. Der Satz zeigt seinen Sinn (= deskriptiven Gehalt), d.h. wir lesen aus seiner äußeren Struktur die entsprechende äußere Struktur des Sachverhaltes ab."(12)  Dieses Zeigen der äußeren Struktur eines Sachverhaltes nennt Stegmüller "zeigen e". (13)  Dieser syntaktischen Abbildtheorie stellt Stegmüller eine semantische Abbildtheorie Witt-gensteins, ebenfalls im Tractatus zu finden, gegenüber, welche sich mit der Entsprechung der inneren Struktur der Sprache und der inneren Struktur der durch sie beschriebenen Wirklich-keit beschäftigt. Diese sei abhängig von der im Tractatus vorhandenen Ontologie Wittgen-steins. Das Zeigen der inneren Struktur der beschriebenen Sachverhalte durch die innere Struktur der diese beschreibenden Sprache wird von Stegmüller mit "zeigeni" bezeichnet. Der Index "i" steht hier für "intern", im Gegensatz zum Index "e" für "extern". Zeigen i findet statt unter der Voraussetzung, daß die innere Struktur des Sachverhaltes zur inneren Struktur der betreffenden Aussage  korrespondiert: "Das, was ein Bild zeigti, ist die conditio sine qua non dafür, daß überhaupt ein Bild vorliegt: Die Gleichheit der kategorialen (oder inneren) Struktur von Bild und Origi-nal." (14)  Danto ordnet der mimetischen Tätigkeit zeigene  zu, der diegetischen Tätigkeit zeigeni. Indem er gegen Ende des ersten Kapitels seines Aufsatzes fragt, ob Diegysis durch Mimesis ersetzbar sei, fragt er auch, ob zeigeni durch zeigene ersetzbar sei; im kunstwissenschaftlichen Kontext, um ein handfesteres Beispiel zu nennen, fragt er also, ob die semantische Analyse durch eine syntaktische Analyse ersetzbar sei: "... mein Interesse an dem Thema wäre schon befriedigt, wenn sich erweist, daß alles, was gesagt, auch gezeigt werden kann, sogar wenn es darüber hinaus Dinge gibt, die gezeigt, aber nicht gesagt werden können."(15)  Warum stellt Danto sich diese Frage?  Wittgenstein, auf den Danto rekurriert, wirft gegen Ende des Tractatus seine Leiter weg, d.h. er verwirft die "diegetischen" Sätze als unsinnig, da die Beurteilung des Wahrheitswertes eines Satzes der Sprache auf sprachlichem Weg erfolgen müßte, was aber nicht funktioniert, da wir uns durch die Beurteilung unserer Sprache außerhalb unserer Sprache aufstellen wür-den - paradoxerweise um innerhalb der Sprache über unsere Sprache zu urteilen. Lediglich die mimetischen Sätze, die Elementarsätze, die die äußere Struktur der Welt darstellen, im Gegensatz zu den Sätzen, die beanspruchen, gleichzeitig noch ihre Korrespondenz mit der Wirklichkeit auszusagen im Sinn von zeigeni, lediglich die mimetischen Elementarsätze wer-den zugelassen, da diese ihre semantische Wahrheit nicht aussagen, sondern nur die syntakti-sche Struktur der durch sie beschriebenen Wirklichkeit zeigen wollen. Danto fragt also - ge-mäß dieser Wittgensteinschen Auffassung -, ob denn die mimetischen Sätze, d.h. die Witt-gensteinschen Elementarsätze, ausreichen, um "allen unseren Anforderungen an die Darstel-lung Genüge" zu tun. (16)

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Anmerkungen

(1)  Danto, Arthur C.: Depiction and Description. -in: Philosophy and Phenomenological Research. Vol. 43, 1982-83. S. 1-19. Übersetzt von Thomas Kisser und Karlheinz Lüdeking in: Boehm, Gottfried (Hrg.): Was ist ein Bild? München, 1995. Die letztere ist die hier benutzte Ausgabe, im folgenden abgekürzt mit "Danto: [Seite]".   (2) Das epische Theater, oder auch Teile des absurden und andere Aspekte des modernen Theaters sind wegen ihrer Selbstthematisierung auszuklammern, weil sie oft die Handlungswiedergabe problematisieren und dadurch auf Handlungsunmittelbarkeit verzichten, ja diese sogar versuchen auszuklammern.   (3) Danto bezieht sich dabei auf Platons Politeia, in der das Beispiel Ions, des Rhapsoden, gebracht wird. vgl.Danto: 126 oben, sowie Platon: Politeia 394 ff.   (4) Danto: 125; daß Danto im nächsten Satz Platons Unterscheidung zwischen Mimesis und Diegysis nur auf die Wörter bezieht, heißt nicht automatisch, daß die Art der Darstellung, wie sie durch Mimesis oder Diegysis vorge-nommen wird, nicht auch an bildlichen, dh. in diesem Fall: außerwortsprachlichen Gegebeneiten gemessen werden kann, was dann Danto unternimmt.  (5) Danto: 127   (6) vgl. Danto: 127; vgl. dazu: Eggert, Helmuth (Hrg.): G.C. Lichtenbergs ausführliche Erklärung der Hogarthi-schen Kupferstiche. Erfurt, 1949. -sowie: Meier-Gräfe, Julius: William Hogarth. München, 1907. Dort befinden sich die Kupferstichfolgen "The Rakes Process" (="Der Weg des Liederlichen"), sowie: "A Harlots Progress" (="Der Lebensweg der Dirne"). Ebenfalls damit zu vergleichen im Hinblick darauf, ob Bildrezeption mit Bildpro-duktion gleichzusetzen wäre, oder anders: ob das Reden über die Bilder den Gehalt der Bilder erst konstituiert, wäre die Auffassung Michael Bockemühls in: Bockemühl, Michael: Die Wirklichkeit des Bildes : Bildrezeption als Bildproduktion: Rothko, Newman, Rembrandt, Raphael. Stuttgart, 1985. -sowie der Versuch einer Rezension Bockemühls durch Bunge in: Bunge, Matthias: Die Wirklichkeit des Bildes. Eine kritische Auseinandersetzung mit Michael Bockemühls These von der "Bildrezeption als Bildproduktion". -in: Zeitschrift für Ästhetik und all-gemeine Kunstwissenschaft. Bd. 35 (1990). Bonn, 1990. S.131-189.   (7) vgl. Danto: 136 ff, vor allem die Rede vom "Bilderstrich" und die "Konzeption der Denotation" (Danto: 137 oben) Goodmans.  (8) Diese Frage stellt sich weniger in der Geschichtsschreibung von Dantos analytischer Geschichtsphilosophie, da im allgemeinen angenommen wird, daß die Geschichte kein sich selbst darstellender Organismus ist, z.B. ein absoluter Geist im Sinne Hegels, oder im Sinne eines sich in Kunstwerken selbst manifestierenden Kunstwollens, nach der Auffassung Riegls, oder verschärft: Sedlmayrs.  (9) zitiert wird im folgenden nach: Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Frankfurt a.M., 1963. -abgekürzt mit: "Wittgenstein: [Satz]"  (10) Bezeichnenderweise kann ich diese beiden Verben nur in Anführungszeichen einführen, da meine diegeti-schen Fähigkeiten angesichts der elementarsten Komponenten des Tractatus versagen und ich auf Mimesis zu-rückgreifen muß, zudem noch auf eine ziemlich primitive, um darzustellen, daß diese Verben eine wichtige Rolle spielen.  (11) Stenius, E.: Wittgenstein's Tractatus. A critical exposition of the main lines of thought. Oxford, 1960. -und: Stegmüller, Wolfgang: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Bd.1. Stuttgart, 1975. -im folgenden abge-kürzt mit: "Stegmüller: [Seite]".  (12) Stegmüller: 555  (13) Stegmüller: 555  (14) Stegmüller: 556  (15) Danto: 126 f. Für diese kunstwissenschaftliche Zuspitzung dieser Frage gibt es bei Danto keinen expliziten Anhaltspunkt. Jedoch: Danto erwähnt selbst Hogarth; er grenzt die unvorgebildete Herangehensweise des die syntaktischen Zusammenhänge erforschenden "Laien" vom Beispiel "Leo Steinberg" ab und erwähnt diesen noch im Zusammenhang mit denjenigen seiner Kollegen, deren Rüstzeug "vorgefaßte Beschreibungen" seien. vgl. Danto: 127. Auch der von Danto verwendete Begriff der "piktorialen Kompetenz" scheint mir diese Fragestellung zu bestätigen: nimmt man "piktoriale Kompetenz" als Fähigkeit, Bildinhalte in eine Bildstruktur zu übertragen, kann man ja auch fragen, ob piktoriale Kompetenz ausreicht, aus der Bildstruktur die Bildinhalte rekonstruieren zu können, ohne so etwas wie Sekundärliteratur etc. heranziehen zu müssen.  (16) Im Original lautet dieses fragmentarisch wiedergegebene Zitat: "Kann eine Semantik des Bildes allen unse-ren Anforderungen an die Darstellung Genüge tun, ohne eine wie auch immer geartete Einschränkung des Dar-stellbaren?" Meine erste Lesart war: Ist diegetische Wortsprache durch visuelle Bilder ersetzbar?

 
 
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Herausgeber: Werner Brück