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Fußspuren Gottes - Dogmatik von unten
Josef Imbach, Dr.theol., war von 1975 bis 2002 Professor für Fundamentaltheologie und Grenzfragen zwischen Literatur und Theologie an der Päpstlichen Theologischen Fakultät San Bonaventura in Rom. 2002 wurde ihm durch die römische Glaubenskongregation die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Seit 2005 hat er einen Lehrauftrag für katholische Theologie an der evangelisch-reformierten Theologischen Fakultät Basel. In seinen jüngeren Veröffentlichungen sucht er auf neuen Wegen in seinen gesammelten „Lebensgeschichten“ nach den „Fußspuren Gottes“.
Josef Imbach, Fußspuren Gottes, Spiritualität im Alltag, Würzburg (Echter) 2006, 192 Seiten
Josef Imbach ist überzeugt, dass sich Gottes Fußspuren auch heute entdecken lassen, wenn wir unsere „Lebens- aber auch Leidensgeschichte“ durch das „Vergrößerungsglas des Glaubens“ betrachten. Christliche Spiritualität allerdings „beinhaltet weder irgendwelche ekstatischen Erlebnisse noch verführt sie zur Flucht vor einer angeblich ´bösen` Welt“. In rund hundert kurzen, „hintergründigen Geschichten“ und „nachdenklich-kritischen Betrachtungen“ nimmt Josef Imbach seine Leser mit auf den Weg einer von unten, vom Leben, gewissermaßen „fundamental“ angelegten Spiritualität.
Josef Imbach, Von reichen Prassern und armen Schluckern, Geschichten aus Küche, Kirche und Kultur, Düsseldorf (Patmos) 2007, 208 Seiten
Im „Entrée“ (erster Gang beim Essen) lässt Imbach Martin Luther, kein Verächter guten Essens und Trinkens, zur Sprache kommen. In seinen Tischreden empfiehlt Luther „reichliches Essen und Trinken als Heilmittel gegen theologische Zweifel und geistliche Schwermut“. Zwar wurden die Städte Sodom und Gomorra, so Imbach, wegen übertriebener Gaumen- und Fleischeslust zerstört, aber „Päpste und Prälaten zeigten sich von solchen Überlegungen in der Regel genau so wenig beeindruckt wie die weltlichen Fürsten und Regenten“. (7) Im Anschluß an Luthers Ratschlag empfiehlt uns der begeisterte Hobby-Koch Imbach, garniert mit viel Humor, über 100 veritable Kochrezepte, darunter auch die berühmten Schweizer „Rösti“. Ein Verzeichnis am Schluss des Buches erleichtert den Zugang zu den unterschiedlichen Rezeptvorschlägen. Der Autor weiß, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt vgl.(Mt 4,4a) Aber die Lebenserfahrung zeigt doch vielfach, dass Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält. Das Buch setzt bei der Einheit von Körper und Geist an und begleitet die Anregungen zum Nachkochen mit vielen kuriosen und heiteren Geschichten.
Josef Imbach, Marienverehrung zwischen Glaube und Aberglaube, Düsseldorf (Patmos) 2008, 252 Seiten
Die genaue Prüfung der Evangelien zeigt, dass wir historisch von Maria wenig wissen. Um so reicher entfaltet sich eine Legendenüberlieferung, die zur „unerschöpflichen Quelle“ der Frömmigkeit wird. Die Wurzeln dieser Madonnenverehrung reichen darüber hinaus zurück bis in archaische Zeiten. Nach und nach entwickeln sich in der katholischen und orthodoxen Marienfrömmigkeit Formen der Verehrung, die biblisch nicht belegt und kaum pastoral zu rechtfertigen sind. Vor diesem Hintergrund zeigt Imbach, dass die Verehrung Mariens in Brauchtum und Volksreligion vielfach von abergläubischen Elementen durchsetzt ist.
Der Autor untermauert diese Feststellungen durch eine umfassende Darstellung der Geschichte und Kultur der Madonnenverehrung mit ihren Hintergründen und auch Abgründen. Er fragt genauer nach den biblischen Grundlagen, stellt die theologische Entwicklung des Marienkultes dar und untersucht ihren legendären, folkloristischen und ästhetischen Niederschlag in Praxis, Literatur und Kunst. Darüber hinaus fragt er nach pastoral sinnvollen Zugängen zu den Marienfesten des Kirchenjahres als Feier der „wahren Königin der Herzen“.
Paul M. Müller
Zurück zur Auswahl Wolfgang Huber, Der christliche
Glaube, Eine evangelische Orientierung,
Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2008,
288 Seiten
„Dem Evangelium treu, den Menschen zugewandt“. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat „eine evangelische Orientierung“ zum christlichen Glauben geschrieben. Dabei setzt er voraus, dass heute viele Menschen nach religiöser Orientierung suchen, „nach dem christlichen Glauben fragen“ und sich mit ihm auseinandersetzen. Die Zeit, „in der man meinen konnte, Wohlstand und Konsum beantworteten die entscheidenden Fragen des Lebens schon selbst, ist vorbei. Auch die Zeit, in der man mit den Mitteln der Wissenschaft oder eines Wissenschaftsglaubens allein die nötige Orientierung finden konnte, ist vorüber. So sehr wir auf ein auskömmliches Leben hoffen und so wichtig die Fortschritte wissenschaftlicher Art sind: als Halt im Leben und im Sterben reicht das allein nicht aus…Gefragt wird nach Glauben“. (9-10) Die Gegenfrage drängt sich auf, ob es sich hier um eine adäquate Beschreibung der Bedürfnisse unserer Gesellschaft handelt oder am Ende doch um prophetische Postulate, die die christliche Frage nach dem „Ganz anderen“ grundsätzlich voraussetzt.
In Fortsetzung seiner Gesellschaftsanalyse vertritt Huber die Ansicht, dass der Säkularisierungsprozess der letzten beiden Jahrhunderte, innerhalb dessen man Religion bestenfalls noch als Privatsache hatte verstehen wollen, im wesentlichen abgeschlossen sei. Die Mehrzahl der Menschen des 21. Jahrhunderts suchte zur Bewältigung ihres privaten und öffentlichen Daseinsverständnisses nach religiösen Antworten. Der Wunsch nach weltanschaulicher Klarheit und religiös-christlicher Erziehung sei bei vielen Zeitgenossen zu erkennen. Auch hier stellt sich die Frage, ob die in dieser Weise beschriebene Öffnung zu Glauben und Kirche durch die zahlreichen demoskopischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte zu Glauben und Kirche hinreichend belegt ist.
In der Antwort Hubers auf die Frage, was denn Glaube sei, „unter Glaube verstehe ich die Gewissheit, die mein Leben trägt“, (10) zeigt sich u.a. auch der subjektive Charakter seiner „Evangelischen Orientierung“, den auch Friedrich Wilhelm Graf anmahnt: „Bischof Wolfgang Huber erklärt seinen christlichen Glauben“. (Süddeutsche Zeitung, 29.08.2008) Allerdings wird diese Relativierung dem Anliegen des Autors im ganzen nicht gerecht. Wenn auch Hubers Bemühung nach einer zeitgemäßen - in manchen Passagen brillanten - Sprache, seine persönliche Deutung des Christlichen erkennen lässt, so bleibt seine Diktion doch grundsätzlich auf substantielle Glaubensinhalte ausgerichtet. Er stellt sie im Hauptteil des Buches in drei Kapiteln in trinitarischem Aufbau dar: „Gott - Schöpfer der Welt“, „Christus - bei den Menschen“ und „Der Heilige Geist - ein Geist der Freiheit“. In zwei weiteren Kapiteln spricht er von christlicher Hoffnung und Liebe.
Die „Suche nach Klarheit“ des Glaubens an Gott und seine Schöpfung verweist an die Schöpfungserzählungen der Genesis. Beide Erzählungen (Gen 1 und 2) sind als „Gottes Wort im Menschenwort“ im Sinne der historisch-kritischen Methode zu interpretieren. Huber vergleicht in einer relativ umfassenden Darlegung die biblischen Bilder mit dem modernen wissenschaftlichen Verständnis der Entstehung der Welt, des Lebens und des Menschen. In seiner Bemühung um die Plausibilität des Schöpfungsglaubens macht er einsichtig, dass aus sachlichen Gründen einen Widerspruch zwischen biblischen Glaubensaussagen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu erkennen ist. Biblischer Glaube und erfahrungswissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich bei Licht besehen nicht gegeneinander ausspielen, es sei denn, die naturwissenschaftlichen Ergebnisse selbst weiten sich auf ideologische Weise zu einer Weltanschauung als Konkurrenz zur Bibel aus oder die biblischen Schöpfungstexte werden in unkritischer Weise favorisiert.
Wichtig ist Huber, dass beide Schöpfungserzählungen dem Menschen einen hohen Rang einräumen: „Der Mensch ist ein antwortendes Wesen; sein Leben gewinnt in der Beziehung Gestalt; er trägt Verantwortung in der Welt, in der er lebt“. (38) Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen setzt zwar Vernunft voraus, aber sie ist nicht primär im Sinne dieser natural vorgegebenen Vernunft begründet sondern relational in der Beziehung Gottes zum Menschen. Deshalb gilt: „Es ist für das Menschsein des Menschen entscheidend, dass er nicht durch seine Eigenschaften und durch sein Handeln das Menschsein gewinnen oder eben auch verlieren kann…Gott hält die Beziehung zum Menschen auch dann aufrecht, wenn dieser sich Gott entzieht“. (41.42)
Naturgemäß widmet der Autor der Frage nach dem Christusbekenntnis einen breiten Raum; das Bekenntnis bildet die Brücke zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens, dies allerdings in unterschiedlichen „Wahrnehmungsgestalten“ der Person Jesu. Diese unterschiedlichen Deutungsgestalten finden sich bereits in den synoptischen Evangelien, dem Johannesevangelium und den paulinischen Briefen. „Die Pluralität der Wahrnehmungsgestalten Jesu gehört zu den bleibenden Grundlagen des christlichen Glaubens“. (90) Sie sind die Voraussetzung für spätere unterschiedliche Christusverständnisse und -theologien. Als Kern des Ereignisses „Jesus Christus“ formuliert Huber: „Er hat den Menschen Gott gebracht“ und „steht ein für den, den er bringt“.
Huber spricht über Gottessohnschaft und Jungfrauengeburt, sucht nach Spuren des historischen Jesus, die in ihrer „äußersten Konsequenz“ in den Tod führen. Er betont in diesem Zusammenhang, dass die Metapher des Opfers zur Deutung der Hingabe Jesu am Kreuz, nicht weniger ihre Ausweitung auf die Eucharistiefeier, unangemessen ist. Die Ereignisse des Kreuzes und der Auferweckung Jesu sind keine von Gott eingeforderten Satisfaktionsakte, sondern Akte der Versöhnung Gottes mit den Menschen.
Im Kapitel „Der Heilige Geist - ein Geist der Freiheit“ ist Huber bemüht den „Kleinmut“ der heutigen Kirche zu dämpfen. Es besteht kein Anlass, die Kirchen in einer „wirtschaftstaumeligen“ und „konsumzentrierten“ Gesellschaft auf der Verliererstraße zu sehen. Der der Kirche zugesagte befreiende Geist ist auch Geist der Zukunft der Kirche. „Mit der Reformation bekennen wir uns dazu, dass immer eine Kirche sein wird, geprägt durch das Wort Gottes und durch den Glauben, der darauf antwortet. Dass wir diesem Wort nicht im Wege stehen, ist freilich unsere Verantwortung“. (146)
Der christlichen Hoffnung „nicht im Wege stehen“, das klingt wie eine Überleitung zu den beiden letzten Kapiteln: „Hoffnung“ und „Liebe“. In einfühlsamer pastoraler Sprache fragt er nach dem, was wir hoffen dürfen, und was den Glauben an die „Gottesgabe“ der Zuversicht in den Erfahrungen von Ausweglosigkeit, Beziehungslosigkeit und Bedeutungslosigkeit dieser trägt. Das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe des Alten Testamentes „erhält in seiner Aufnahme durch das Neue Testament…einen spezifischen Akzent. Denn nun wird das Gebot der Liebe mit der von Gott geschenkten Liebe verknüpft, die sich in der Person des Jesus von Nazaret, in seinem Wirken wie in seiner Predigt, in seinem Sterben wie in seiner Auferstehung zeigt“. (271)
Hubers „Der christliche Glaube“ lässt eine Anzahl von Leitgedanken und Lernzielen erkennen: Ohne Zweifel geht es ihm um die Schärfung des protestantischen Profils. Dabei tritt das ökumenische Anliegen, erfahrungsgemäß in dem von Huber vorausgesetzten neuen Interesse an der christlichen Botschaft enthalten, leider in den Hintergrund. Aber „eine Kirche der Freiheit“ braucht den Dialog, auch wenn sich die sprachliche Bewältigung des eigenen Glaubens dadurch als komplexer erweist. Wo der Autor katholische Lehren zur Sprache bringt, dient dies im Wesentlichen der Abgrenzung und Profilierung der evangelischen Orientierung.
In einer weiteren pastoralen Leitidee der „Evangelischen Orientierung“ sucht Huber mit dem Medium seiner Sprache - in vielen Fällen auf brillante Weise - den neuen Interessierten und den Zweiflern die Plausibilität des Glaubens zu erweisen. Seine Sprache allerdings neigt gelegentlich, trotz aller Anstrengung der Erschließung des Christlichen, an manchen Stellen zu einer wenig aufschlussreichen Abstraktionsstufe. In den vielen unterschiedlichen Perspektiven, die der Autor eröffnet, geht es durchgehend um die „evangelische“ Anforderung der Annahme von Gottes Gnade, der man zumindest nicht im Wege stehen darf.
Hubers „Der christliche Glaube“ zeigt den Suchenden nach Glaube, Hoffnung und Liebe den Weg und nennt den Grund der christlichen Gewissheit: Der Glaube an Gott den Vater, an Jesus Christus und an den Heiligen Geist. Ein Buch, das dem menschlichen Dasein im Horizont der christlichen Botschaft Sinn erschließt.
Paul M. Müller
Zurück zur Auswahl Eine Sackgasse
Zu: Tilman Nagel, Mohammed. Leben und Legende, R.
Oldenbourg Verlag: München 2008
Das voluminöse und entsprechend teure Werk umfasst 1.052 Seiten, davon 737 Seiten fortlaufender Text. Es folgen: mehr als 90 Seiten Anmerkungen sowie ein Anhang „Einführung in den Gegenstand“ (36 Seiten), „Zusätze“, in denen Ausführungen der vorherigen Kapitel vertieft werden (106 Seiten), weiterhin genealogische Tafeln, Karten, Indices und Literaturverzeichnis.
Der Mohammedstoff ist in acht Kapitel gegliedert (I: Die Kaaba, II: Ein heidnischer Prophet, III: Die Vertreibung, IV: Der Glaube, V: Der Dschihad, VI: Die Hedschra, VII: Die Fitna, VIII: Der Islam); allerdings ist anzumerken, dass schon in Kapitel VI (ab S. 504 bis 737) die Zeit der vier „rechtgeleiteten Kalifen“ und das dann sich verändernde Mohammedbild zum Gegenstand werden.
Zunächst ist einmal die beeindruckende Detailarbeit und die Berücksichtigung aller islamischen Traditionsliteratur und des Koran zu loben. Nagel bietet eine Fülle von Material und geht auf so gut wie alles ein, was überliefert ist. Auf diesem Hintergrund entwirft er ein Mohammed-Leben, mit allen Verwandtschaftsverhältnissen bis zur fünften Generation vorher, mit allen Stammesbezügen, Geschehnissen und Konflikten. Er versucht, eine Entwicklung des Propheten von gnostischen, näherhin sabäischen Anfängen über das Aufgreifen „hochreligiöser Einflüsse“ (weil er vom „Eingottglauben“ spricht, meint er wohl „universalreligiöse“ Einflüsse) bis zur Etablierung der grundlegenden Riten des Islam. Er schildert die weiteren Entwicklungen und die „Umgestaltung der mohammedschen Botschaft in den Islam, in die Ritenfrömmigkeit“ um die Mitte des 7. Jahrhunderts (S. 869.871).
Nagel interpretiert seine Quellen durchaus „islam-kritisch“. Leider aber geht er nicht historisch-kritisch vor: Er stellt niemals die Frage nach der Zuverlässigkeit und damit auch Verwertbarkeit „der außerordentlich vielfältigen arabisch-islamischen Quellen“, und der Koran ist für ihn das „vielschichtige(n) Selbstzeugnis Mohammeds“ (S. 17). Schon im Inhaltsverzeichnis fehlt der Hinweis auf einen (bitter notwendigen) Abschnitt zur Charakterisierung der Quellenschriften und ihrer historischen Plausibilität. Im Vorwort verweist er auf den späteren Abschnitt „Einführung in den Gegenstand“ (S. 835-871); aber auch dort findet sich nichts zu diesen Fragen, obwohl er durchaus über in der Forschung vertretene Ansichten berichtet, dass der Koran für eine Biographie Mohammeds nichts hergebe und – weniger deutlich – dass die reichhaltige Traditionsliteratur aus dem 9. und 10. Jahrhundert stammt. Kein Wort darüber, ob es wissenschaftlich legitim sei, einen Ablauf von Geschehnissen aus so späten Zeugnissen zu rekonstruieren; er tut es einfach. Ebenso wenig gibt es Überlegungen, wie diese späte Literatur mit den zeitgenössischen Zeugnissen, die es durchaus auch gibt, in Beziehung gesetzt werden kann. Aus diesem Grund kann an dieser Stelle auf eine Auseinandersetzung mit einzelnen Thesen Nagels verzichtet werden; sie könnte nur die grundsätzliche Kritik an Beispielen konkretisieren.
Seit der Ausbildung der Sunna und des biographischen Materials zu Mohammed ergab sich für islamische Theologen die Möglichkeit, den dunklen Koran und die ebenso dunklen Anfänge des Islam gewissermaßen „von hinten her“, also mittels der zwei- bis dreihundert Jahre jüngeren Texte zu deuten; diese Methode haben sie, trotz kleiner Korrekturversuche, bis jetzt beibehalten. Deswegen bleibt ein Zugang zu den älteren Texten fast unmöglich, und Nagel wendet die gleiche Methode an.
Dabei kann sich ein alter Text nur dann in seiner Eigenart erschließen, wenn er nach der anderen Richtung hin befragt wird: Welche Quellen haben nachweislich im Koran ihren Niederschlag gefunden – literarische Quellen, Motive und Argumentationsmuster aus bestimmten religiösen Bewegungen oder damals verbreiteter Literatur? Diese sind beim Koran äußerst vielfältig, wie z.B. die Islamwissenschaftlerin Geneviève Gobillot (Lyon) nachweist: Der Koran benutzt – neben biblischen Stoffen, kanonischen und apokryphen – weitere Quellen: z.B. das Corpus Hermeticum, den griechischen Neuplatoniker Porphyrios, die lateinischen Theologen Tertullian und Laktanz, weiterhin die apokryphen Testamente des Abraham und Mose[1]. Darüber hinaus spielen im Koran gnostische Motive, wie der Islamwissenschaftler Jan M.F. Van Reeth (Amsterdam) differenziert darlegt[2] , ein altes syrisches Christentum (Ohlig)[3] oder syrisch-christliche Texte bis hin zur syrischen Liturgie gemäß den Forschungen von Christoph Luxenberg[4] und Jan M.F. Van Reeth[5] eine nachweisliche Rolle. Und dies sind nur erste Ergebnisse, weil bisher nie in diese Richtung geforscht wurde (und man muss berechtige Zweifel haben, ob das vielgepriesene und –geförderte Projekt „Corpus Coranicum“ jemals derart differenzierte Ergebnisse bringen kann).
Geneviève Gobillot fragt: „Ist es möglich, ein Milieu abzugrenzen, innerhalb dessen die Gesamtheit dieser Referenzen in Umlauf gewesen sein könnte ...? Aus der Antwort auf diese Frage wird vielleicht der Anfang einer Antwort auf die Frage nach dem Entstehungsgebiet, dem ‚Emergenzterrain’, des Korantextes hervorgehen.“[6] Zumindest eine – negative – Antwort kann schon jetzt gegeben werden: Dieses Emergenzterrain kann – angesichts der literarischen Bezüge – nicht die unbedeutende Wüstenstadt Mekka gewesen zu sein, ebenso wenig verrät sich hier der Informationsstand eines – laut muslimischer Tradition: analphabetischen – Kamel- oder Eselstreibers.
Für Tilman Nagel aber handelt es sich beim Koran um das Selbstzeugnis Mohammeds, wofür dieser leider keinerlei Anhaltspunkte bietet, wohl aber die Tradition seit dem 9. Jahrhundert. Letztere findet Nagel immer wieder im Koran bestätigt. Macht man sich die Mühe, die von ihm in großer Zahl angegebenen koranischen Belegstellen nachzuschlagen, findet man nur wenige, die, für sich betrachtet und nicht von späteren Texten her eisegisiert, irgendeine Evidenz für das erkennen lassen, was Nagel durch sie begründen will.
Dabei hätte er selbst nachdenklich werden müssen. Er schreibt ja, erst um die Mitte des 7. Jahrhunderts, also eine Generation nach dem Tod Mohammeds (in Wirklichkeit m.E. mindestens noch einmal rund 150 Jahre später), habe die Entstehung des Islam Mohammed „hinter einem Schleier von Überlieferungen verschwinden (lassen), die aus ihm den ‚islamischen’ Propheten machten ... Die ganze Überlieferung über Mohammed nimmt schließlich den Charakter einer Anhäufung von Wundererzählungen an ...“ (S. 871). Hat das keine Folgen? Zwar ist er der Meinung, „daß der ‚islamische’ Mohammed nicht als eine lebensvolle Figur vor uns steht, sondern als ein Amalgam von historisch Belegbarem mit den Interpretationen, die man ihm seit der Mitte des 7. Jahrhunderts gab“ (ebd.). Eine letzte Rückzugsposition? Warum aber erläutert Nagel seinen Lesern nicht, wie und mit welchen historisch plausiblen Gründen er aus diesem „Amalgam“ das „historisch Belegbare“ und damit die Ergebnisse seiner Mohammedbiographie herauslöst?
In Wirklichkeit reduziert er nur das Material, lässt z.B. Wundererzählungen weg, glaubt nicht an eine nächtliche Himmelfahrt Mohammeds und nimmt die restlichen Erzählungen – bis auf offensichtliche Absonderlichkeiten – als historisch belegt an.
Aus dieser, in der Islamwissenschaft leider verbreiteten Vorgehensweise ergibt sich, dass er die Leser in eine Sackgasse führt. Er erweckt den Eindruck, dass seine Lebens- und Entwicklungsbeschreibung Mohammeds den tatsächlichen Abläufen entspricht. Es scheint ihm nicht aufgefallen zu sein, dass z.B. die Sira eine nach dem Modell des alttestamentlichen Richterbuchs geschriebene Erzählsammlung mit vielen biblischen Bezügen ist, so Hans Jansen in seiner Mohammedbiographie, die Nagel nicht mehr berücksichtigt hat[7]. Ebenso wenig hat er bemerkt, dass die Sira und die Annalen des at-Tabari bibelallegorische Werke nach dem Modell des Pentateuch sind, in die alle möglichen damals in Umlauf befindlichen Traditionen eingearbeitet worden sind[8]. Es ist einigermaßen schwierig, diese Werke als Geschichtsbücher zu begreifen, auch nicht im Kern eines Amalgams; wenn doch einmal historische Notizen hier angenommen werden können, müsste dies im Einzelnen begründet werden.
Hier erweist sich die Schwäche eines methodischen Zugangs zu diesem Material einzig mit den Methoden der arabischen Philologie. Dem Rezensenten wirft Nagel vor: „Ohlig rühmt sich ... seiner Unkenntnis des Arabischen“ (S. 838). Das Zitat, auf das er sich bezieht, sagt aber etwas anderes; es lautet, dass ich „weder Orientalist noch spezialisierter Islamforscher, sondern Theologe und Religionswissenschaftler“ bin, was ein „nicht unbeträchtliches Manko“ sei[9]. Also kein Rühmen, sondern Korrektheit. Anscheinend unterstellt er mir (S. 839), in der Inschrift im Felsendom muhammad als „Prädikatsnomen“ zu verstehen, das niemals am Anfang eines Satzes stehen könne, wie man es schon „im arabischen Elementarunterricht“ lerne. Nun geht die Übersetzung und Analyse der Felsendominschrift auf Christoph Luxenberg, exzellenter Kenner des Arabischen und seiner Dialekte sowie des Syro-Aramäischen, zurück, und dieser hat keineswegs behauptet, es handele sich um ein Prädikatsnomen, sondern um ein Partizip Perfekt, das dem Sinn nach gerundivisch zu übersetzen sei („gelobt sei“). Weder die hebräische noch die syrische noch die arabische Sprache kennen ein Gerundivum, so dass je nach Kontext Partizipien im Perfekt gelegentlich gerundivisch zu verstehen sind; so übersetzt z.B. die Vulgata Psalm 118,26 wortgetreu, aber sinnverfremdend als „benedictus qui venit in nomine domini“, obwohl es im Lateinischen ein Gerundivum gibt. Die deutsche Übertragung, z.B. im Sanctus der Messe, heißt aber richtiger: „Gelobt sei, der da kommt ...“. Und hätte Nagel noch einen Fortbildungskurs im Arabischen genommen, hätte er auch gelernt, dass solche gerundivisch zu verstehenden Partizipien durchaus am Anfang eines Satzes stehen können, wenn sie besonders betont sind (z.B. in der arabischen Version des „Gegrüßet seist du, Maria ...“; auf Wunsch können weitere arabische, auch koranische Belege nachgereicht werden).
Der Blick von außen, von Religionswissenschaft und christlicher Theologiegeschichte, kann aber, wie schon damals ausgeführt, zeigen, dass mit arabischer Philologie allein weder der Koran noch die Anfänge des Islam zugänglich werden. Forschungen dieser Art können nur, interdisziplinär betrieben, zu verantwortbaren Ergebnissen führen. Weitere Philologien müssen hinzu kommen: vor allem die Berücksichtigung der aramäisch-syrischen Sprache, z.Zt. der Entstehung des Koran seit Jahrhunderten die lingua franca in großen Teilen des Vorderen Orients, wie Inschriften zeigen, auch auf der Arabischen Halbinsel. Den großen Einfluss des Syro-Aramäischen hat vor allem Christoph Luxenberg nachgewiesen, was Nagel aber nicht berücksichtigt. Auch die persische Sprache und Vorstellungswelt haben tiefe Spuren im Koran hinterlassen. Vor allem aber ist die Basis aller Untersuchungen die Anwendung der historisch-kritischen Methoden der Geschichtswissenschaften, wenn man historische Phänomene untersucht oder postuliert. Darüber hinaus spielen weitere Wissenschaften eine unverzichtbare Rolle: die Epigraphik und Numismatik, Religions- und Bibelwissenschaften und die historische Theologie. Letztere werden in der Islamwissenschaft seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr berücksichtigt, so dass die Einbettung des Koran und der koranischen Bewegung in die Religionsgeschichte des Vorderen Orients nicht wahrgenommen wird. So jedenfalls lässt sich kein Zugang zu „Mohammed“ und den Anfängen erschließen, sondern nur die „reichhaltige Literatur“ des 9. und 10. Jahrhunderts – ein wenig reduziert und spekulativ auf koranische Anklänge interpretiert – nacherzählen. Resultat ist aber immerhin eine recht bunte Geschichte voller seltsamer, oft auch interessanter Details, nur leider nicht zu einem historisch vertretbaren „Leben Mohammeds“.
Karl-heinz Ohlig
Zurück zur AuswahlAufklärung und Okkultismus als siamesische
Zwillinge
Zu: Sabine Doering-Manteuffel: Das Okkulte - Eine
Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World
Wide Web. Siedler-Verlag München 2008, 352 Seiten.
Die Aufklärung ist auch nicht mehr das, was sie mal war oder für was man sie zunächst hielt: der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit durch wachsende Verbreitung vernünftigen Wissens unter verständigen Leuten. Schuld sind – nicht erst heute, sondern schon seit Jahrhunderten – die Medien. Das weist die Augsburger Professorin für Europäische Ethnologie Sabine Doering-Manteuffel in diesem ebenso gelehrten wie unterhaltsamen Buch nach. Denn schon seit Zeiten des Buchdrucks gilt: Jede neue Technik, die geeignet ist, Wissen zu verbreiten und rechten Glauben zu lehren, ist ebenso geeignet, banalen Unsinn, phantastische Mythen und kruden Aberglauben unter die Leute zu bringen. „Das Streben nach vernünftigen Erklärungen blieb unauflösbar mit seinem okkulten Schatten verbunden (…) Weil sie auch okkultistisches Wissen zusammenführten und standardisierten, verbreiteten die Druckmedien das Okkulte gleich einem Virus, das in das Programm der Aufklärung eindrang und einzelne Bestandteile außer Kraft setzte“.
Diesen Gleichschritt von Aufklärung und Gegenaufklärung verfolgt die Autorin durch die Jahrhunderte – ein sehr kurzweiliger Spaziergang durch das Unterholz der europäischen Geistesgeschichte; sie beschreibt den Aufschwung der Wahrsagerei und Kartenschlägerei als den „Medienmarkt des Magischen“ im 18. Jahrhundert. Besonders bedeutsam wurde dies auch auf dem Heilungs- und Gesundheitsmarkt. Allein die Benutzung von Büchern gab manchem Scharlatan den Anstrich von Gelehrsamkeit, der etwa seine „Mond-Therapie“ so praktizierte, dass die Patienten den erkrankten Körperteil zum Fenster heraus ins Mondlicht halten mussten, während er selbst geheimnisvolle Formeln murmelte. Billigdrucke zu okkulten Fragen verbreiteten Schauergeschichten von besessenen Frauen, die den Teufel im Gedärm hätten, die Priester schmähten und mit Schaum vor dem Mund durch den Kirchenraum geschleudert würden. Spukgeschichten wurden gedruckt auf Jahrmärkten verbreitet. Die Aufklärung über den Spuk kam dem nicht nach.
Schauergeschichten aller Art waren dabei keineswegs die Domäne der niederen
Stände. Vielmehr lief die Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaften im
19. und frühen 20. Jahrhundert parallel zum Aufschwung des Spiritismus.
Der Geisterglaube wurde durch die exakte Wissenschaft keineswegs zurückgedrängt;
vielmehr passte er sich deren Mitteln in Form und Sprache an, suggerierte Exaktheit
und Verlässlichkeit in den Verfahren der Nutzung magischer Kräfte.
„Okkultisten folgen dem Irrtum, dass durch den Fortschritt in den Naturwissenschaften
die Natur wirklich beherrschbar sei. Okkultes, magisches und spiritistisches
Denken suchte im 20. Jahrhundert nach einer den Wissenschaften
ebenbürtigen Lehre von der Zähmung kosmischer und terrestrischer Kräfte.“
Gerade Krisenzeiten wie die des 1. Weltkriegs ließen Wahrsagerei und Totenbeschwörung
aufblühen, das langsam aufkommende Medium des bewegten Bildes, der Film,
vermochte auch Begegnungen der Dritten Art zu bebildern.
Ein eigenes Kapitel widmet die Autorin den nicht gerade knappen Anteilen okkulten Denkens in der völkischen Bewegung. Schon Helena Blavatsky, die Begründerin der Theosophie und damit Urmutter der modernen Esoterik, entwickelte in enger Verbindung mit dem Atlantis-Mythos eine „Schöpfungsgeschichte, die eine Theorie der Entstehung höherer und minderwertiger Rassen enthält“: die Wurzelrassenlehre. Über die „Ariosophie“ des Wiener Esoterikers Guido von List fand sie Eingang in den realgeschichtlichen mörderischen Rassismus der Nazis; nicht zuletzt der SS-Führer Heinrich Himmler war von völkischem Okkultismus stark beeinflusst; aber auch Hitler selbst hat sich, folgt man seinem Biographen Ian Kershaw, einst in Wien intensiv mit rassistischer Schundliteratur befasst. Und sie setzt sich bis heute fort in aktueller esoterischer Publizistik. „Die Massenpresse, das okkulte Dienstleistungsgewerbe und schließlich das Internet mit seinen esoterischen Foren haben den breiten Strom des völkischen Okkultismus in Fluss gehalten und zu Teilen sogar verstärkt“, resümiert die Autorin.
Das „Suchmaschinen ins Jenseits“ überschriebene Schluss-Kapitel über Okkultismus im Internet ist zugleich der analytische Höhepunkt dieses Buches. Sehr genau beschreibt Doering-Manteuffel, wie das Wissen im Internet zugleich anonym und unkontrollierbar wird. Unter dem falschen Etikett der Demokratisierung des Wissens kann jede(r) unkontrollierbare Behauptungen dauerhaft ins Netz stellen. Bei der virtuellen Enzyklopädie Wikipedia „gilt die Formel: ‚Bestand hat, was von der Gemeinschaft akzeptiert wird’. Die Gemeinschaft setzt sich aus freien, anonymen Nutzern zusammen. Man ist also darauf angewiesen, dass Bearbeiter wie ‚Zebrastreifen 3’, ‚Kaeptn Tofu’ oder ‚Speifensender’ das Richtige treffen“. (Das gilt aus Sicht des Rezensenten auch für spezielle Versuche, sich die Deutungshoheit über Sachverhalte zu verschaffen. Die konservativ-katholische website www.kath.net etwa versucht mit einem eigenen Projekt „kathpedia“ theologische und kirchliche Begriffe „rechtgläubig“ zu besetzen). Das Resultat, so die Autorin, ist kaum ermutigend: „Die Wissensgesellschaft leidet unter dem weltweiten Informationsmüll. Die Massenkultur wird noch stärker als bisher von okkulten Daten in vielen Sparten des Lebens beeinflusst werden“. Die „Hexenkerze rot“ für Liebeszauber ist im Netz ebenso real bestellbar wie die „Hexenkerze schwarz“ für Schadenszauber. Sarkastisch kommentiert die Autorin: „Die Geschäftsidee, das Sichtbare unsichtbar zu machen, ist ein klassischer Schildbürgerstreich. Man könnte auch Schnee hinter dem Ofen dörren und das Resultat über das Netz verkaufen. Energieöle und DNS-Spiralen werden keinen besseren Nutzen haben.“
So bringt die technische, aber eben nur technische Rationalität des Internet ihre eigene medienspezifische Irrationalität hervor. Wer je auf der Esoterikmesse das Angebot computergestützter Horoskope gesehen hat, kann die Beobachtung nachvollziehen. Die blitzgescheite Analyse der Augsburger Kulturanthropologin bringt solche Alltagserfahrungen auf den Begriff. Klar wird: Ob vormodern, modern oder postmodern: Das Okkulte wird ständiger Begleiter jeder Aufklärung bleiben. Nur die Formen ändern sich.
Lutz Lemhöfer
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© imprimatur Januar 2009
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