Karl-Heinz Ohlig, Gerd-R. Puin (Hg.), Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte der Islam. Hans-Schiller-Verlag, Berlin 2005, 406 Seiten
Mit diesen Worten formuliert Karl-Heinz Oh-lig in seinem ersten Beitrag das Anliegen des Buches, dem sich elf Autoren aus Deutsch-land, Frankreich, Italien und den USA - dar-unter zwei Muslime - widmen. Er weist aus-drücklich darauf hin, dass der Band kein „Gesamtkonzept“ der Thematik liefert, da es zwischen den Autoren keinerlei Absprachen gab. Er hebt indes die Meinung aller hervor, dass in der bisherigen Islamwissenschaft wichtige historische und philologische Ge-sichtspunkte unberücksichtigt blieben, z.B. die bedeutende Rolle, die der Omaiyadenkalif `Abd al-Malik (gest. 705) für die Konstituti-on des Koran hatte (so Alfred-Louis de Prémare), die Diskussion im 9. Jahrhundert über die von Mohammed benutzten Traditio-nen (Claude Gilliot), die vorislamische Ge-schichte der Straflegenden (Gerd-Rüdiger Puin), die arabische Sprachgeschichte (Pi-erre Larcher) oder die Einflüsse des Persi-schen auf den Koran (Sergio Noja Noseda).
Im Rahmen dieser Rezension ist es naturge-mäß nicht möglich, alle Beiträge entspre-chend zu würdigen. Hier sollen drei Beiträge in der erforderlichen Kürze vorgestellt wer-den: Volker Popp, Die frühe Islamgeschichte nach inschriftlichen und numismatischen Zeugnissen, Christoph Luxenberg, Neudeu-tung der arabischen Inschrift im Felsendom zu Jerusalem und Karl-Heinz Ohlig, Das sy-risch-arabische Christentum und der Koran.
„So versteht sich dieser Sammelband als eine Anregung zur Diskussion und zu weiteren Forschungen, nicht als Entwurf eines ferti-gen Konzeptes. Aber er kann deutlich ma-chen, dass die Anfänge des Islam nur dann verstanden werden können, wenn sie nicht von späteren Rückprojektionen, sondern auf der Basis der historischen Quellen und von den sich auf sie stützenden historischen und philologischen Fragestellungen her unter-sucht werden“ (Ohlig, 13).
Innerhalb dieses geforderten Rekurses auf die Quellen ist der Beitrag von Popp von grundlegender Bedeutung. Er hat erstmals die Geschichte der ersten beiden „islami-schen“ Jahrhunderte nicht gemäß der mus-limischen Literatur aus dem 9. Jahrhundert, die zweihundert Jahre nach Mohammed ab-gefasst wurde, dargestellt. Popp stützt sich dabei auf die einzigen zeitgenössischen Zeugnisse, die neben dem Koran erhalten sind. Es handelt sich um Münzen, deren Prägungsort und -zeit sicher sind und um Inschriften aus der frühen Zeit, von Bauin-schriften bis zu den Texten im Jerusalemer Felsendom, der Omaiyadenmoschee in Damaskus und der Moschee in Medina.
Auf Grund dieser Quellen kann Popp die große Zäsur deutlich machen, die der Sieg des byzantinischen Kaisers Heraklius 622 über die Sassaniden für die in West- und Ost-syrien lebenden Araberstämme brachte: Sie übernahmen jetzt die Herrschaft und began-nen, die Zeit nach diesem Datum zu zählen („die Ära der Araber“). In dieser Zeit präg-ten sie Münzen, die eindeutig als christlich zu betrachten sind und in denen Jesus als der „Gepriesene“ (muhammad) bezeichnet wird.
Später erst, frühestens nach 750, so Popp, hat sich die muhammad-Vorstellung von ih-rem Bezugspunkt, Jesus, gelöst. Mohammed wurde als arabischer Prophet, der eine eige-ne Religion, den Islam, begründet hat, ange-sehen und zur zentralen Figur der arabi-schen Großreiche. Volker Popp belegt mit abgebildeten schriftlichen Quellen und Münzfunden seine Erkenntnisse.
Christoph Luxenberg bietet eine exakte phi-lologische Bearbeitung der Inschrift im Je-rusalemer Felsendom, der im späten 7. Jahrhundert erbaut wurde, in der - früher als in allen erhaltenen Koranhandschriften - auch koranisches Material vorliegt. Er kann überzeugend nachweisen, dass diese In-schrift ausschließlich christologisch zu lesen ist. Sie bietet eindeutige Bekenntnisse zu dem Messias Jesus. Exemplarisch dafür ist die (Sure 4:171): „Ihr Angehörige der Schrift verfehlt euch nicht in eurem Urteil und sagt aus über Gott und das Rechte. Denn Jesus Christus, Sohn der Maria, der Gesandte Got-tes und sein Wort (Logos), das er der Maria eingegeben hat, und Geist von ihm. So glaubt an Gott und seinen Gesandten sagt nicht „drei“, hört damit auf, es wäre besser für euch. Denn Gott ist ein einziger - gepriesen sei er - wie sollte er auch ein Kind haben, gehört ihm (doch alles), was im Himmel und auf der Erde ist! Und Gott (allein) genügt als Beistand“ (Luxenberg, 127).
„Bei dem besprochenen Text handelt es sich um die theologische Doktrin des arabischen Kalifen ´Abd al-Malik …Diese Doktrin ist durchweg christologischen Inhalts und rich-tet sich insoweit ausschließlich an Christen, die seit dem Konzil von Nizäa (325) eine andere Auffassung von Christus vertreten. Dies geht aus dem Kontext klar hervor“ (141).
Aufgrund seiner Textanalyse unterscheidet Luxenberg zwischen Mohammed I (Jesus) und Mohammed II (der arabische Prophet) sowie zwischen Islam I (ein arabisch-syrisches Christentum) und Islam II (der eigenständige Islam), der sich erst nach 750 gebildet hatte. Er sieht den Jerusalemer Fel-sendom als christlichen Sakralbau, eine Gra-beskirche Jesu, die von den arabischen Christen - gegen die Grabeskirche der Byzan-tiner in der Altstadt - als eigenes religiöses Zentrum erbaut wurde. Der Wechsel der is-lamischen Blickrichtung nach Mekka ist viel später erfolgt.
Der Beitrag von Karl-Heinz Ohlig gibt eine Einführung in die syrisch-christliche Theo-logie von ihren Anfängen bis ins 8. Jahr-hundert. Diese Theologiegeschichte wird bis-her, wegen ihrer Beschränkung auf die hel-lenistische - also die „westliche“ - Entwick-lung, nicht untersucht und auch von Islam-wissenschaftlern nicht berücksichtigt. Von ihr her aber ergeben sich wichtige Folgerungen auf die Gestalt des Koran. Es kann gezeigt werden, dass eine syrische Christolo-gie und Theologie in den Koran Eingang ge-funden hat, die nicht, wie gelegentlich ver-treten wird, „nestorianisch“ oder arianisch geprägt ist, sondern ein vornizenisches Sta-dium repräsentiert: Jesus ist Knecht Gottes, Gesandter, Prophet; Gott ist (unitarisch) einer. Wort (Logos) und Geist sind „Kräfte“ Gottes, durch die er selbst handelt; sie sind keine Hypostasen.
Von daher schließt der Autor, dass die Ara-ber das Christentum recht früh - vor Nizäa (325) - oder, weil Nizäa in Ostsyrien erst auf einer Synode 410 akzeptiert wurde, vor 410 angenommen haben und bei dem Christen-tum ihrer Anfänge blieben. Diesen Glauben haben sie in ihren Inschriften und Münz-prägungen sowie im Koran gegen spätere bini- und trinitarische Konzepte und gegen die Zwei-Naturen-Lehre für Jesus Christus verteidigt.
„In dieser 'vornizenischen’ syrischen Theo-logie wurde in der Gottesfrage ein entschie-dener Monarchianismus vertreten: (Der ei-ne) Gott allein hat die Herrschaft, polemisch im Koran gegen die Entwicklung zur Zeit seiner Entstehung gerichtet: Gott hat keiner-lei Teilhaber an der Macht. Dieser vom Macht- oder Herrschaftsgedanken bestimmte unitarische Monotheismus schließt auch die mittlerweile, (spätestens) im 7. und 8. Jahrhundert auch in Ostsyrien verbreitete Vorstellung von einer (physischen) Gottes-sohnschaft aus“ (Ohlig, 398).
Da in den nomadischen und halbnomadi-schen Stämmen das Christentum weitgehend in der Form der Stammesentscheidung auf-genommen wurde, war die Christianisierung zunächst oberflächlich. Vorstellungen vor-christlicher arabischer Traditionen wie Ma-gie, Zauberei, das ius talionis und das Ver-hältnis von Mann und Frau wurden in den Koran aufgenommen. Aber auch nach 750 sind weitere Materialien in den Koran einge-drungen, die (nach Luxenberg) dem Islam II zuzuordnen sind:
„In den Koran scheinen auch spätere Passa-gen eingeflossen zu sein, die ganz deutlich nicht mehr einem frühsyrisch-arabischen Christentum entsprechen, sondern schon Ansätze einer neuen, anderen Religion - des Islam - spiegeln. Texte dieser Art sind nicht sehr zahlreich, aber dennoch vorhanden - und wirkgeschichtlich von großer Bedeu-tung. Es wäre denkbar, dass sie dem Ende des 8. oder dem frühen 9. Jahrhundert, der Zeit al-Mamuns oder kurz vorher zugerechnet werden müssen“ (Ohlig, 404).
Herausgeber und Autoren haben mit diesem Sammelband in der Tat Licht in die „dunklen Anfänge“ der frühen Geschichte und der Entstehung des Islam gebracht. Unter je ei-genen Forschungsaspekten konnten sie ü-berzeugend nachweisen, dass der Islam seine religiösen Wurzeln durchaus in der bis dato „vernachlässigten“ syrisch-arabischen Got-tes- und Christusauffassung hat. Das Buch öffnet mit historisch-kritischem Ansatz den Blick für die religiös-kulturelle Eigenart die-ser Religion. Es versteht sich nicht als ferti-ges Konzept, eher „als Anregung zu weiteren Forschungen“.
Auch für die Leser, die die angeführten Quel-len als solche im Original nicht deuten kön-nen, sind die Analysen der Autoren hilfreich und weiterführend. Den Herausgebern und Autoren sei gedankt!
Paul M. Müller
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