Karl-Heinz Ohlig

Wundergläubigkeit im Christentum: Wurzeln, Motive und Geschichte


Von Wundern ist in der Umgangssprache in vielfältiger Weise die Rede. Wir sprechen vom Wunder eines Sonnenaufgangs, einer Geburt, aber auch theologisch vom Wunder des Evangeliums, der Schöpfung, der Eschatologie. Im folgenden soll der Begriff nur spezifisch, im Sinn von Geschehnissen, die die alltägliche Gesetzmäßigkeit von Geschichte oder Natur durchbrechen, gebraucht werden.

1. Alle Weltreligionen, so auch die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, kennen eine reichhaltige Wundertradition.

Sie reicht von den Anfängen bis in die Gegenwart, und sie wird wohl auch nicht unterbrochen werden, weil sie schon in den jeweiligen kanonischen Dokumenten zu finden ist. Damit scheinen ihr Fortdauern und der Glaube an Wunder legitim zu sein. Es ist schwer, grundsätzliche Einwände z.B. gegen Erscheinungen in Marpingen oder Lourdes zu erheben, wenn auch das Neue Testament von Erscheinungen spricht und diese - im Fall der Erscheinungen des Auferstandenen - sogar als konstitutiv für den Glauben erklärt werden.

Wunder sind in den kanonischen Dokumenten der monotheistischen Religionen recht unterschiedlich vertreten und erzählt. Viele rühmen am Islam, dass er nüchterner sei und der Koran von Mohammed keine Wundertaten berichte. Dafür aber werden umso mehr Wunder Jesu wiedergegeben, von der drastisch ausgestalteten Jungfrauengeburt über Wunder schon in seiner Kindheit bis hin zu seiner Entrückung zu Gott vor der Kreuzigung, die ja bestritten wird. Die spätere Hadithtradition, die beinahe ebenso normativ ist wie der Koran, spricht auch Mohammed zahlreiche wundersame Ereignisse zu, wie z.B. seine nächtliche Himmelsreise auf einem Schimmel. Wunder in Koran und Sunna werden in einer Art erzählt, die das Mirakelhafte auf eine volkstümliche Weise hervorheben; sie sind nicht theologisch gestaltet.[1]

Auch das Alte Testament verwendet Wundererzählungen, wenn auch in einer recht sparsamen Weise. Sie konzentrieren sich auf den Exodus Israels aus Ägypten, wobei ein Anwachsen der Wunder festgestellt werden kann, je jünger die Erzählschicht ist. Daneben berichten die legendarischen Erzählungen von Elija und Elischa (2 Kg 3-6) von Wundern; vor allem bei Elischa steigern sie sich bis zu einer Totenerweckung, der Heilung eines Aussätzigen und einer Brotvermehrung. Ansonsten ist das Alte Testament recht zurückhaltend, und man kann auch nicht sagen, dass für seine Theologie Visionen eine Rolle spielen. Wohl aber ist in der Apokalyptik, vor allem in der zwischentestamentlichen Literatur, immer wieder von Himmelfahrten, gewaltigen Visionen usf. die Rede.

Das Neue Testament ist zunächst recht zurückhaltend in bezug auf Wunder. Paulus weiß oder berichtet nichts von Wundern Jesu, und die ältesten Schichten der Evangelien überliefern nur Dämonenaustreibungen, die zu einer Art Resozialisierung der Besessenen führten. Diese aber werden nach dem antiken Wunderschema erzählt, das - nachdem es einmal in Gebrauch war - bald den Raster dafür abgab, immer neue Wunder (insgesamt rund 60) - je jünger eine Erzählschicht ist, umso zahlreichere und gewaltigere - zu berichten. Grundsätzlich aber läßt sich feststellen, dass die Berichte der Evangelien im allgemeinen nicht das Mirakelhafte herausstellen, sondern theologisch - näherhin christologisch - gestaltet sind; das gilt auch für die österlichen Erscheinungsberichte.[2] Ob das "Wunder" der Auferstehung im Neuen Testament als ein tatsächliches, die Gesetzmäßigkeiten der Natur durchbrechendes Ereignis oder als ein Christusbekenntnis in apokalyptischer Sprache aufgefaßt werden muss, ist in der Exegese umstritten.

Auch für die urchristliche Zeit wird von Wundertaten berichtet. Paulus spricht nur recht unspezifisch von Zeichen und Kräften, ohne Näheres zu referieren (Röm 15,19; 1 Kor 12,10; 2 Kor 12,12), so dass nicht sicher ist, ob Paulus die hier thematisierten Wunder meint; die Apostelgeschichte redet an einigen Stellen einfach summarisch von Wundertaten, überliefert aber auch einzelne Szenen, die recht mirakelhaft ausgestaltet sind.

Alle monotheistischen Religionen besitzen also Wunderberichte in ihren kanonischen Dokumenten. Von daher ist es nicht erstaunlich, dass Wunder auch in der weiteren Geschichte immer wieder eine Rolle spielen. Sie sind zwar z.B. im Christentum für die offizielle Praxis wie auch für die Lebensgestaltung der meisten Christen marginal, oft auch gänzlich bedeutungslos. Aber ein - in der Geschichte zahlenmäßig wechselnder - Teil vor allem einfacher Gläubiger und Priester lebt in solchen Wundertraditionen und erhofft sich oft mit großer Intensität für das eigene Leben wundersame Heilung und Glück.

Die relative Distanz zur Ausrichtung auf Wunder bei der Mehrheit der Christen ist vor allem eine faktische und praktische Zurückhaltung. In der Theorie aber wagen nur wenige, den Wunderglauben für sich selbst zu überwinden, weil dem die neutestamentlichen Berichte und vor allem die Erscheinungen des Auferstandenen im Wege zu stehen scheinen.

2. Die Basis aller Religionen: Frage und Hoffnung

Alle Weltreligionen, auch das Christentum, sind zu Zeiten entstanden, als die Menschen ganz selbstverständlich mythisch dachten. Nach der "kritischen Wende", nach Aufklärung und Säkularisation finden sich Wundertradition und -gläubigkeit nur noch in den Teilen der Bevölkerung, die in früheren Denkmodellen befangen sind.

Kritisch gewendet ist Basis aller Religionen die religiöse Frage und Hoffnung. Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen, die um ihren Tod wissen, sich selbst, die Welt und die Geschichte problematisieren, als kontingent erfahren und in Frage stellen. Die profane Wirklichkeit wird dadurch, in einer rupture de niveau ontologique (Mircea Eliade)[3], über ihre empirische Befindlichkeit hinaus als Ganze zur Frage, in Angst (vor Sinnlosigkeit, Schuld, Alltäglichkeit und Tod), und wird überschritten in einer oft grundlosen und alles umgreifenden Hoffnung. Religion gründet - traditionell ausgedrückt - in der soteriologischen Frage. Religionen sind - so gesehen - soteriologische Systeme.

Die Religionen in der Menschheitsgeschichte repräsentieren unterschiedliche Sprachtraditionen, mit deren Mitteln und Rastern die soteriologischen Ängste und Hoffnungen formuliert werden. Das Christentum repräsentiert das soteriologische System, das diese im Rückgriff auf Jesus von Nazareth formuliert und löst.

Religiöse Hoffnung richtet sich tendenziell immer über die empirische Wirklichkeit hinaus, auf einen Zielpunkt, der nicht Welt und nicht Geschichte und doch für sie sinnstiftend ist. In der Religionsgeschichte wird er unterschiedlich umschrieben und benannt, je nach dem menschlichen kulturellen Entwicklungsstand, z.B. als übermächtige Manas, als personale Gottheiten, als das Göttliche oder als der monotheistische Gott.

3. Wundererzählungen und ihre Sprachform

Mythisches Denken ist nicht einfach zu charakterisieren. Hier soll nur ein einziger Aspekt hervorgehoben werden: Mythos ist ganzheitliches Verstehen, das nicht zwischen Erfahrung und ihrer Verbalisation, zwischen Schilderungen empirischer Sachverhalte und Extrapolationen religiöser Erfahrung unterscheidet. Dem mythischen Verstehen scheinen die Erfahrungen, die die konkrete Wirklichkeit umgreifen und somit transzendieren, auf der gleichen Ebene wirklich zu sein wie die Beobachtungen empirischer Abläufe. Sie werden in Sprache objektiviert, so dass Gott so real erscheint wie z.B. ein Berg oder ein Mensch, sein Handeln wird auf derselben Ebene wahrgenommen wie das Handeln eines Menschen. Gott und sein Handeln werden im autoritativen Mythos narrativ entfaltet und tradiert.

Mythisches Denken unterscheidet also nicht. Die sog. kritische Wende des Denkens seit Beginn der Neuzeit dagegen unterscheidet Alltagswahrnehmungen von religiösen Erfahrungen. Seitdem wird sich der Mensch bewusst, dass z.B. der Satz "Gott ist" strukturell und logisch nicht zu vergleichen ist mit der Aussage: "Das Wetter ist regnerisch". Nach der kritischen Wende wird der Satz "Gott ist" so verstanden, wie er auch gemeint ist: "Ich (bzw. wir) erfahre(n) die empirische Wirklichkeit und ihre Problematik so, dass ich (wir) darauf setzen - oder die Hoffnung haben -, dass sie getragen ist von einer umgreifenden Wirklichkeit, die wir mit dem Wort ,Gott` ansprechen."

Weil Gott (oder ältere analoge Begriffe) also eine Größe bezeichnet, auf deren Sein und Macht wir - angesichts unserer defektiven Wirklichkeit - hoffen, wird die Aussage, dass er handelt, getragen von der Sehnsucht, dass die meist grausamen naturalen und geschichtlichen Kausalitäten nicht das letzte Wort sind; wir hoffen, dass es darüber hinausgehende Gründe gibt, wenn wir sie auch nicht begreifen oder wahrnehmen.

In Zeiten mythischen Verstehens schlagen sich diese Hoffnungserfahrungen auf ein Handeln Gottes in Erzählungen von wundersamen, die Empirie übersteigenden Begebenheiten nieder. Wundererzählungen sind also die Sprachform, in denen unter diesen Bedingungen spezifische religiöse Erfahrungen wiedergegeben werden. Wunder sind somit sprachliche und, nach einiger Zeit, literarische Artikulationen religiöser Erfahrungen unter den Bedingungen mythischen Verstehens. Sie sind mythische, ganzheitliche Umschreibungen religiöser Erfahrung, die immer und grundsätzlich die kontingente Empirie um- und übergreift.

Kritisch gewendet, würde man Wunderüberlieferungen mißverstehen, wenn man sie auch nur vergleichbar mit Berichten über Ereignisse aus Natur oder Geschichte behandelte. So wurden sie zwar von den Individuen oder Gruppen aufgefaßt, die sie produzierten, tradierten und niederschrieben, insofern sie in der Ungebrochenheit mythischen Verstehens nicht unterschieden zwischen Erfahrungsobjektivation und Realität. Wir müssen das heute tun, wenn wir nicht - um mit Dietrich Bonhoeffer zu reden - einen geistigen "salto mortale ins Mittelalter"[4] machen wollen.

4. Wunder geschehen in der Literatur, nicht in der Geschichte

Aus dem Gesagten geht hervor: Es wäre historisch-kritisch unangemessen zu fragen, ob die Erscheinungen von Marpingen oder Lourdes oder des Auferstandenen wirklich so passiert sind oder nicht, ob ihnen Ereignisse zugrunde liegen oder nicht, ob die Heilungswunder Jesu echt, die von Lourdes aber unecht sind, ob die Stigmatisierung des Franz von Assisi ein Wunder, die der Therese von Konnersreuth aber psychogen oder einfach nur vorgetäuscht war. Die kirchlichen Prüfungsverfahren über die Zuverlässigkeit von Wundern, die einem potentiellen Heiligen zugeschrieben werden oder an einem Wallfahrtsort passieren, laufen in eine falsche Richtung, insofern sie untersuchen wollen, ob irgendwelche erstaunlichen Phänomene "übernatürlicher" Provenienz sind. Weil Wundererzählungen sprachliche bzw. - nach kurzer Zeit - literarische Phänomene sind, darf nicht nach etwas gefragt werden, was sie gar nicht sind. Wunder geschehen in der Literatur, nicht in der Geschichte.

Dennoch aber liegen ihnen "reale" Erfahrungen zugrunde, die von einzelnen oder Gruppen gemacht, von den Tradenten, Schreibern und Rezipienten geteilt wurden. Sie sind sich lediglich, in ganzheitlicher mythischer Denkweise, nicht darüber im Klaren, dass es sich hierbei um Erfahrungen handelt, die z.B. bei Visionen entweder - aufgrund vorgegebener traditioneller Muster - im Erfahrungsakt selbst sich visionär auf diese Weise verdichteten oder erst später mit diesen Sprachmitteln verbalisiert, oder die bei erstaunlichen Heilungen als "übernatürliche" Kausalität extrapoliert wurden. Historisch sind nicht die Wunder, sondern die in ihren Erzählungen rekonstruierbaren Erfahrungen.

5. Wunder sind theologische Aussagen, keine Berichte

Religiöse Erfahrungen kennen strukturelle Gemeinsamkeiten, wie etwa ihre transzendentale Ausrichtung. Daneben aber sind sie in ihren Anlässen und Inhalten sehr unterschiedlich; sie können sich z.B. beziehen auf Gott selbst und sein Handeln, auf Jesus Christus, auf Rettung in drängenden Notlagen, auf den Wert bestimmter Tugenden - z.B. der Martyrergesinnung oder der Keuschheit -, auf Maria, sonstige Heilige, Wallfahrtsorte usf.

So verraten Wundererzählungen - historisch-kritisch gelesen -, was in den Kontexten, in denen sie entstanden sind, im Mittelpunkt religiöser Fragen und Hoffnungen stand. Die späteren legendarischen Ausgestaltungen des Exodus Israels aus Ägypten zeigen, worum es ihren Verfassern ging: Aufzuzeigen, dass dieses als Gründungsdatum Israels verstandene Ereignis nicht Produkt zufälliger Geschichtsprozesse, sondern Gottes Willen und Führung war. Oder: Von vielen später als große Gottesmänner rezipierten Gestalten des Alten und Neuen Testaments wird ausgeführt, dass sie eigentlich, nach menschlichen Ermessen, nicht hätten geboren werden oder überleben können; die Eltern waren schon weit über das zeugungs- bzw. gebärfähige Alter hinaus - wie z.B. Abraham und Sara (Gen 21,1-7) oder Zacharias und Elisabeth (Lk 1,7) -, Mose hätte auf Befehl des Pharao nach seiner Geburt getötet werden müssen (Ex 1,16.22), ebenso Jesus auf Befehl des Herodes (Mt 2), und bei ihm wird die Symbolik noch übersteigert durch die Vorstellung einer Jungfrauengeburt. Der Topos "Schwierigkeit der Geburt" soll im Alten und Neuen Testament also zeigen, dass die Männer, von denen diese Anfangswunder erzählt wurden, nur durch ein Handeln Gottes ins Dasein traten und von ihm erwählt waren; diese Wunder sind theologische Aussagen, keine Berichte über empirische Sachverhalte.

Die Wundererzählungen der Evangelien gestalten vor allem christologische Erfahrungen: Jesus ist mehr als ein Wanderprediger, er handelt im Auftrag Gottes, führt die Königsherrschaft Gottes herbei und vertreibt die Dämonen. Mit einer sich steigernden Christologie wird er dargestellt als Herr über Leben und Tod oder über die Natur. Hierbei stehen wiederum unterschiedliche Detailaspekte im Vordergrund: die eucharistische Erfahrung in der Brotvermehrung (Mk 8, 1-10 Parr) oder in der Emmauserzählung (Lk 24, 28-31), Jesus, der die Menschen sehend macht, in den Blindenheilungen, der Herr über den Sabbat ist (Mk 3,1-6 Parr; Joh 5, 1-10), seine Jünger in den Gefahren des Sturmes schützt (Mk 4,35-41 Parr) usf.

Die Wunder in der Apostelgeschichte oder die wenigen Hinweise bei Paulus sollen vor allem zeigen, dass sich die frühe Kirche im Geistbesitz wähnte und Entstehung und Ausbreitung des Christentums auf ein Handeln Gottes zurückführte.

Man könnte die verschiedenen Wundertraditionen der weiteren Geschichte untersuchen und dann den Zusammenhang zwischen den jeweils relevanten Kontexten und der Art der Wunder aufzeigen: Die antiken Martyrerlegenden weisen auf die wundersame Leidensfähigkeit der Martyrerinnen und Martyrer und damit auf die äußerste Konsequenz christlichen Glaubens in schwierigen Zeiten hin; nach dem Aufkommen der Negativwertung von Sexualität im Gefolge der Hellenisierung des Christentums steht der Kampf um Keuschheit und benachbarte Tugenden - bis hin zu den Dämonen, die die Einsiedler quälen - im Mittelpunkt von Wundererzählungen; die christliche Hochschätzung der Armut in Früh- und Hochmittelalter oder die Individualisierung des Hochmittelalters und besonders der Neuzeit brachten wiederum spezifische Wundererzählungen hervor bis hin zu den ghettohaften und volkstümlichen individualistischen marianischen Wundern der Neuzeit und Gegenwart.

Mit anderen Worten: Die konkreten Ausgestaltungen der Wundererzählungen spiegeln die theologischen, sozialen und kulturellen Probleme einer Zeit bzw. genauer: der jeweiligen Gruppen von Produzenten und Tradenten von Wunderberichten. Sie überliefern also ein wertvolles historisches Material, das auf die spezifischen Kontexte, die jeweiligen theologischen und sozialen Probleme sowie auf die Theologien und
Spiritualitäten schließen lässt.

6. Wunder sind keine Mirakel

So sind die Wundertraditionen sehr unterschiedlich zu werten. Dabei kann man verschiedene Kriterien anwenden. Sie lassen sich z.B. nach ästhetischen Gesichtspunkten unterscheiden: das Rosenwunder der Elisabeth von Thüringen ist z.B. wunderschön (obwohl es einer Notlüge dient), die Berichte des Martyrologiums über die abgeschnittenen und wieder nachwachsenden Brüste der heiligen Agatha[5] sind dagegen abstoßend; manche Wunderberichte sind narrativ gut erzählt, andere holperig oder schlecht, manche triefen von einer krankhaften Leidensideologie, andere transportieren positive Erfahrungen.

Oder man könnte soziale Kriterien anlegen; nach ihnen sind manche Wunder gesellschaftlich oder ekklesiologisch von Bedeutung - z.B. die Stillung des Sturms durch Jesus (Mk 4,35-41 Parr), die die Rettung des Schiffs mit seinen Anhängern, also der Gemeinde, aus tödlicher Gefahr symbolisiert, oder die Vision des Petrus (Apg 10,9-16), mit der die Heidenmission legalisiert wurde -; andere dagegen sind sehr individualistisch - wie bestimmte mystische Visionen einer liebenden Vereinigung mit Jesus - oder gar egozentrisch - wie z.B. die Wunder, die den zahlreichen Votivtafeln "Maria" oder "Antonius" o.ä. "hat geholfen", zugrunde liegen (Damit soll nicht die Legitimität der Erwartung persönlicher Hilfe bestritten werden; um Egozentrik handelt es sich nur insofern, als meist kein Gedanke darauf verschwendet wird, dass sehr viele andere, auch fromme Beter, keine Hilfe erfahren haben).

Manche Erzählungen basieren auf einer existentiellen Erfahrung, andere wieder sind literarische Kunstprodukte; so mag es z.B. Erfahrungen geben, die sich unter bestimmten kulturellen Kontexten visionär verdichten, ein Großteil aber der christlichen Visionsliteratur dient lediglich dem Transport und der zusätzlichen Autorisierung theologischer oder moralischer Anliegen des jeweiligen Autors.

Das wichtigste Kriterium zur Beurteilung von Wunderberichten aber ist theologischer Art. Manche Wundererzählungen sind präzise theologisch konstruiert und bieten als Sinnspitze eine theologisch relevante Aussage - dies gilt z.B., bis auf wenige Details, für die Wunderberichte der Evangelien -; in ihnen tritt das Mirakelhafte zurück, und das Schema einer Wundererzählung scheint oft nur ein literarisches Gestaltungselement zu sein, um eine narrative Theologie oder Christologie zu verdeutlichen. Andere Wunder aber zeigen magische Züge, so etwa - im Neuen Testament- die Heilung einer Frau, die den Saum des Gewandes Jesu berührte, so dass eine "Kraft" auf sie überging (Mk 55, 25-34 Parr), oder die späteren Wunder durch Berührungen von Reliquien, Trinken von heiligem Wasser, Besuchen von Wallfahrtsstätten u.ä.

In anderen Wundertraditionen scheinen sich weniger seriöse religiöse Erfahrungen als die Sensationslust des Wunderschemas bemächtigt zu haben. Das Mirakelhafte - bis hin zur Kuriosität - tritt in den Vordergrund und verselbständigt sich, oft mit derben Zügen der Volksreligiosität angereichert. Dieser Gattung gehören sehr viele Wunder der Religions- und Christentumsgeschichte an, z.B. die Zufügung des Markus zur Heilung des Besessenen von Gerasa, dessen Dämonen in eine Schweinehorde fuhren (5,11-13), die Erzählungen des Thomasevangeliums, die auch in den Koran eingegangen sind, Absonderlichkeiten des christlichen Martyrologiums und der mittelalterlichen und neuzeitlichen Wundertradition. Wenn z.B. von der Begine Christina der Wunderbaren (+1224) erzählt wird, dass sie in Kessel mit kochendem Wasser sprang, in glühende Öfen kroch oder sich beim Beten zu einer Kugel formte[6], wenn von Philipp Neri (+1595) berichtet wird, dass sich sein Herz beim Beten vor Liebe so vergrößerte, dass es ihm zwei Rippen zerbrach und an der Brust eine Beule entstand[7], ist nur noch der volkstümliche Unterhaltungswert bestimmend. In diese Kategorie gehören z.B. auch die ausufernden Visionen der Seherinnen von Marpingen, die neben Maria auch Christus und den Heiligen Geist, Engel und örtlich verehrte Heilige auftreten ließen.

Wundererzählungen dieser Art sind abstrus, mehr aber noch die Mentalitäten, die sie hervorgebracht haben. Oft verraten sich in ihnen krankhafte und maßlose Züge, weit entfernt von ernsthafter oder gar demütiger Suche nach religiöser Sinnhaftigkeit.

7. Skepsis der Aufklärung gegen Wundergläubigkeit

Seit Beginn der Neuzeit hat sich der "Sitz im Leben" für die Entstehung von Wundererfahrungen und -erzählungen verändert. Eine zunehmende Zahl von Menschen - zunächst in der Aufklärung nur eine Elite, seit dem 19. Jahrhundert aber auch wachsende Teile der Bevölkerung - öffnete sich kritischem Denken. Zwar kann man beobachten, dass damit nicht schon alle Reste auch magischen Denkens überwunden sind; auch sog. aufgeklärte Menschen lesen gelegentlich Horoskope oder suchen Wahrsager auf und sind anscheinend nicht gefeit vor allem gegenüber wissenschaftlich auftretenden Irrationalismen okkultistischer, spiritistischer, esoterischer oder parapsychologischer Art. Gerade in der heutigen "Postmoderne" scheinen Phänomene dieser Art wieder zu faszinieren. Dennoch aber läßt sich eine verbreitete Zurückhaltung Wunderberichten gegenüber feststellen; wer mit Jugendlichen über Wunder Jesu oder sonstige Wunder diskutiert, wird dies bestätigen müssen.

So konzentriert sich die Wundergläubigkeit zunehmend auf kirchliche Gruppen, die die kritische Wende nicht mitgemacht haben, in den Denkweisen vergangener Zeiten leben und oft ghettohafte Mentalitäten repräsentieren. Daneben aber benutzen sie auch Blitzableiter, Waschmaschinen und Internet, so dass sie die Inkongruenz ihrer religiösen Mentalität zu den zeitgenössischen Auffassungen bemerken. Wenn sie ihre religiösen Auffassungen leben und vertreten, stellen sich deshalb eifernde, polemische und sich bewusst abgrenzende Züge ein. Umso heftiger setzen sie dann auf Wunder, die zugleich im Sinne der Moderne Beweiskraft für ihre Anschauungen haben sollen; man versucht, sie wissenschaftlich nachzuweisen und abzusichern.

Zunehmend sind Wundererfahrungen, die Produktion von Wunderberichten und ihre Tradierung in der Neuzeit auf diese Kreise konzentriert. Mit dem Anwachsen der Herz-Jesu- und der Marienfrömmigkeit seit dem 19. Jahrhundert haben viele Wunder und Erscheinungen mit dieser restaurativen und ghettohaften Frömmigkeit zu tun; die Botschaften Marias in Lourdes, Fatima oder Marpingen gehen somit inhaltlich nicht über das hinaus, was in den Köpfen der Betroffenen vorgeht und bei ihrer Mentalität zu erwarten war.

8. Wir brauchen die religiöse Symbolsprache

Kirche und Theologie stehen in bezug auf die Wundergläubigkeit vor großen Problemen. Einerseits ist es für die effektive Vermittlung des Christentums in der heutigen Zeit unbedingt notwendig, den modernen Menschen einen Zugang zum Glauben zu ermöglichen, ohne eine Archaisierung des Bewusstseins von ihnen zu verlangen. Wer sagt, Christ könne man nur sein, wenn man an die Wunder oder Ostererscheinungen Jesu glaube, schließt heute viele Menschen vom Christentum aus. Andererseits ist die Tradition der Wundergläubigkeit übermächtig und in den kanonischen Dokumenten scheinbar verpflichtend gemacht.

Viele kritische Theologen distanzieren sich zwar von allzu ausufernder Wundergläubigkeit, mahnen zur Nüchternheit, betonen, Nachfolge Jesu, Humanität und soziales Engagement seien wichtiger als Visionen und Wunder. Aber sie kommen auch für sich selbst nicht zu einem wirklich kritischen Verstehen, weil sie der Meinung sind, die Wunder Jesu oder wenigstens die Erscheinungen des Auferstandenen seien im Glauben anzunehmen. Damit aber ist eine wirklich kritische Haltung unmöglich, und man unterscheidet sich von heutigen ghettohaften Gruppen von Wundergläubigen nicht im grundsätzlichen Verstehen, sondern nur im Niveau von Intellektualität und Seriosität.

Eine zweite Schwierigkeit besteht darin, dass die kirchliche Sprache, Liturgie und somit auch Vorstellungswelt gänzlich von mythischer Symbolik durchtränkt sind. Die Gottesdienste z.B. an Ostern oder Pfingsten und an anderen Festen leben von einer Bilderwelt, die uns wundersame metaempirische Begebenheiten vor Augen stellt. Die existentielle Faszination dieser Feste lebt von dieser Symbolik. Was bliebe vom Weihnachtsfest, wenn nur das gefeiert würde, was sich kritisch gewendet sagen ließe: Wir begehen die Geburt Jesu, des Sohnes von Maria und Josef, wahrscheinlich in Nazareth, an einem Tag, der in Rom das Geburtsfest des Jupiter optimus maximus war und dort auf Jesus übertragen wurde; wir feiern diese Geburt, weil Jesus später das Evangelium verkündet hat und für uns der Christus geworden ist. Oder wie mager bliebe die kritisch gewendete Osteraussage: Wir feiern, dass Jesus mit seiner Hinrichtung nicht einfachhin gescheitert ist; wir bekennen uns zur Hoffnung, dass er von Gott auferweckt wurde.

Feste blieben, in kritischer Wendung, existentiell arm. Wir brauchen die religiöse Symbolsprache und Bildwelt. Andererseits aber dürfen wir auch nicht übersehen, dass viele Christen, die aus ihrer Alltags- und Berufswelt kommen, an solchen Gottesdiensten teilnehmen und mit Erzählungen wundersamer Begebenheiten konfrontiert werden, auch ein starkes Fremdheitsgefühl haben und denken, derlei passe nicht in ihre Lebensweise hinein oder sie selbst - umgekehrt - nicht in diese Liturgie; wahrscheinlich ist das einer der Gründe für die schrumpfende Teilnahme an Gottesdiensten.

Hier ist ein Dilemma gegeben, für das es keine einfachen Lösungsvorschläge gibt. Solange es keine vermittelbaren säkularen Hoffnungsbilder religiöser Erfahrung gibt, sind wir auf die mythischen Projektionen angewiesen. Ein erster Schritt aber könnte sein, die wundersamen Begebenheiten weniger extensiv darzulegen, sie nicht so stark in den Mittelpunkt zu stellen, die geschichtlich-soteriologischen Motive Jesu und des Christentums stärker zu betonen und von daher auch säkulare Perspektiven - die Hoffnung auf geglücktes Menschsein, Gerechtigkeit, Solidarität, Versöhnung - ins Spiel zu bringen. Darüber hinaus müßten den Gläubigen kritische Interpretationshilfen für die traditionelle mythische Sprache angeboten werden, damit das Christentum auch in der Moderne als soteriologische Antwort für menschliches Leben rezipiert werden kann.


© imprimatur Oktober 2002
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[1] Vgl. hierzu vom Verf., Weltreligion Islam. Eine Einführung. Mit einem Beitrag von Ulrike Stölting, Mainz, Luzern 2000, 81-89.
[2] Das Markusevangelium bietet ursprünglich keine Erscheinungberichte; der "unechte Markusschluß" 16, 9-20, wurde erst im zweiten Jahrhundert an den Text angefügt. Die Erscheinungsberichte im Matthäus-, Lukas- und Johannesevangelium wollen nicht reale Ereignisse schildern - dafür sind sie in allen Details (Orte, Zeugen und Abläufe) zu widersprüchlich -, sondern auf der Basis des Auferstehungsglaubens bestimmte christologische Aussagen in narrativer Form gestalten; vgl. hierzu vom Verf., Thesen zum Verständnis und zur theologischen Funktion der Auferstehungsbotschaft, in: Hansjürgen Verweyen (Hrsg.), Osterglaube ohne Auferstehung? Diskussion mit Gerd Lüdemann (Quaestiones disputatae, 155), Freiburg, Basel, Wien 1995, 80-104.
[3] Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige. Elemente der Religionsgeschichte (Original: "Traité d´histoire des religions", Paris 1949, übers. von M. Rassem u. J. Köck), Salzburg 1954, 40.
[4] Dietrich Bonhoeffer, Brief aus der Haft an einen Freund (gemeint: E. Bethge, Verf.) vom 16.07.1944, in: Widerstand und Ergebung, hrsg. von Eberhard Bethge, München und Hamburg 1951, 177.
[5] 3. Lesung am Fest der hl. Agatha (5. Februar).
[6] Vgl. hierzu Bernhard McGinn, Die Mystik im Abendland, Bd. 3: Blüte. Männer und Frauen der neuen Mystik (1200-1350), aus dem Englischen übers. von Bernardin Schellenberger, Freiburg, Basel, Wien 1999, 295.296;
Peter Dinzelbacher, Christliche Mystik im Abendland. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Paderborn, München, Wien, Zürich 1994, 189.199.
[7] 3. Lesung am Fest des hl. Philipp Neri (26. Mai).