Matthias Wallich

Was ist christlich? Die Wertschätzung des Partikularen!

Anleitung zur Selbstanalyse (II)
- Zu neuesten Veröffentlichungen von Slavoj Zizek


Vorbemerkung:

Zizeks psychoanalytische Arbeiten - das wurde im ersten Teil dargestellt - legen das Augenmerk auf das Partikulare und den Rest. Sie gehen von der Abgründigkeit und der Fremdheit eigener Phantasien aus und misstrauen versöhnlichen Subjektkonzepten, die die Selbstpräsenz, Selbsttransparenz oder Selbstvertrautheit des Subjekts mit sich belegen wollen. Zizek gibt zu bedenken, dass die Verleugnung eigener Partikularität, der Hass auf das eigene nicht beherrschbare, exzessive Genießen, zu Selbstobjektivierung und Selbstreglementierung führen und Ursprung von Rassismus werden kann. Als Psychoanalytiker sieht Zizek eher die Gefahr, dass der Einzelne sich instrumentalisiert und den Idealen von Gemeinschaften opfert, als dass er Andere objektiviert oder Einsamkeit riskiert. Der Wert des Christentums besteht nach Zizek nicht in Mythenlosigkeit, sondern in seinem Mythos, der den "Riss im Sein", die Kategorie des Partikularen nicht ausklammert, also keine vormoderne Kosmos-Idee braucht, in der alles aufgeht. Die Vielseitigkeit und theologische Relevanz des Zizekschen Ansatzes sollen auch in diesem Teil nachgezeichnet werden.

Zur Gleichzeitigkeit von hysterischem Begehren und perversem Genießen

Zizek sieht den Menschen in seinem Begehren durchaus hysterisch, das Begehrte (letzlich wohl ein intensives, rückhaltloses Genießen) darf nicht erreicht werden, da sonst die Subjektkonstruktion ihren Halt verliert. Wenn wir dem angezielten Ding zu nahe kommen, entsteht Angst. Sie führt zu einem Zurückschrecken vor dem Eintreten des Begehrten und gründet also nicht zu sehr in der Erfahrung unbestimmter Leere. Gegen Heidegger und Kierkegaard meint Zizek, dass die Furcht im Gegensatz zur Angst vor der Leere hinter dem Ding zurückschreckt.

Neben hysterischen Seiten weist der Mensch in den Augen Zizeks zugleich perverse Anteile auf; - es ist gut, nochmals daran zu erinnern, dass Zizek "dem Wahnsinn der Normalität" nachgeht und von einem psychotischen Urgrund der menschlichen Verfassung ausgeht. Das Genießen verhält sich entgegengesetzt zum Begehren, indem es sich unsteuerbar an alles heften kann, was sich ihm anbietet. Man kann also auch das Entbehren genießen; solche Unformen des Genießens nennt Lacan "Mehr-Genießen"[1]. Gerade Verzichtspredigten sollte man daraufhin untersuchen; es kann hier herausgehört werden, wie der Prediger des Verzichts selbst wiederum Entzug und Verzicht als Quelle der Lust benutzt und "mehr-genießt".

Von autoritären und totalitären Herren

Zizek begreift den Kern des Gesetzes, auch des Überich-Gesetzes, das unbedingte Forderungen ausspricht und demgegenüber man ständig schuldig wird, letzlich als den Imperativ "Genieße!". Mit diesem Imperativ soll Genießen gesteuert werden. Genuss-Diktate, "Genieße!" als das oberste Gesetz, führen zum direkten Ende der Leidenschaft, das wird besonders in der Fun-/Spaßkultur deutlich, in der Selbststigmatisierungen und Selbstverletzungen zunehmen und das Verlangen nach dem Spüren von Widerstand und Realität verbürgenden Schmerz größer werden. Ein verordnetes Genießen ist keines mehr, so dass gerade Nichtnormiertes und immer Extremeres Genuss versprechen. "Genieße!" als Imperativ der Konsumkultur wirkt wie jede Überich-Forderung vor allem destabili-sierend, d.h. je mehr man ihm gehorcht, desto schuldiger wird man. In diesem Zusammenhang unterscheidet Zizek autoritäre und totalitäre Herrschaftsformen. Der autoritäre Herr verlangt die bloße Befolgung von klaren Normen. Der totalitäre Herr verlangt mehr; er sagt: "Genieße!" oder "Du darfst!" und fordert dazu auf, dass die Befolgung und Einhaltung seiner Imperative gerne verrichtet wird. Hier verschärft sich also das Gesetz zu Idealen/Visionen, die den Einzelnen ganz in Beschlag nehmen und Schuldgefühle hervorrufen, da sie nie ganz beachtet werden können. Der totalitäre Herr ist darüber hinaus exzessiv, er gestattet die Überschreitung: "Du kannst alles tun, solange du mir die Treue hältst." Die gegenwärtige Kultur des "Du darfst" ist demnach in ihrer Optimierung von Schuld und Abhängigkeiten gegenüber Idealen, in ihrem Übergang von autoritären zu totalitären Strukturen, zu kritisieren.

Der Cyberspace als Medium der Selbsterkenntnis

Ein weiteres Beispiel für Zizeks bestechende Klarheit und zeitdiagnostische Schärfe: Internet und Cyberspace verstärken narzisstische Tendenzen: Die Spiel- und Klick-Kultur infantilisiert; alles ist per Maustaste einfach und ohne Widerstand zu erreichen, spielerisch kann man Sonderwünsche äußern und Gewünschtes ordern. Jedoch werden Menschen durch immer stärkeren Abbau von Widerständen immer leichter gereizt - "Erniedrigung durch Verharmlosung" ist das Stichwort.[2] Bilder treten an die Stelle des Primärkontakts. Aseptische Computersphären trauen dem Menschen zugleich immer weniger zu. Die Neuen Medien bieten für Zizek aber auch große Möglichkeiten der Selbsterkenntnis; der Cyberspace kann uns unsere Abgründe visualisieren.

"Denn was wäre, wenn die Spiele, die wir am Computer spielen, ernster sind, als wir meinen? Was, wenn ich darin den aggressiven perversen Kern meiner Persönlichkeit artikuliere, den ich aufgrund ethisch-sozialer Zwänge in meinem lebenswirklichen Austausch mit anderen nicht ausleben kann? Ist es nicht so, dass das, was ich in einem solchen Fall in meinen Cyberspace-Tagträumen inszeniere, in gewisser Weise 'wirklicher als die Wirklichkeit' ist, dem wahren Kern meiner Persönlichkeit näher kommt, als die Rolle die ich in meinem Kontakt mit den Partnern im wirklichen Leben spiele? Genau deswegen, weil mir bewusst ist, dass Cyberspace 'nur ein Spiel' ist, kann ich darin ausleben, was ich in meinen 'wirklichen' intersubjektiven Kontakten niemals zulassen könnte. In diesem Sinn hat die Wahrheit, wie Jacques Lacan es formuliert hat, die Struktur der Fiktion. Was in der Gestalt des Träumens oder gar Tagträumens erscheint, ist zuweilen die verborgene Wahrheit, auf deren Unterdrückung sich die soziale Wirklichkeit selbst gründet. Darin liegt die große Lehre von Freuds Traumdeutung: Die Wirklichkeit ist etwas für diejenigen, die den Traum nicht aushalten können."[3]

Zur Neufassung des kategorischen Imperativs

Zizek kritisiert das landläufige Verständnis des kategorischen Imperativs. Schon Lacan arbeitete heraus, dass de Sade die Wahrheit von Kant ist, dass es eine sadistische, rigide kalt-unpersönliche Dimension im Herzen der Moral, in der Selbstgesetzgebung des modernen Subjekts gibt. Moralisches Verhalten ist darauf zu untersuchen, wo in einer Überforderung mit Imperativen eine Spaltung des Ich vor sich geht, und die Instanz des Befehlsgebers (Subjekt des Aussagens) in unheimlicher Weise das Scheitern der Ausführung (Subjekt der Aussage) genießt - genau wie bei sadistischen Praktiken. Zizeks alternative Lesart des kategorischen Imperativs fordert demgegenüber, dass sich keiner zum Objekt des Genießens eines Anderen machen sollte. Es gilt also der Versuchung zu widerstehen, sich einem Anderen (einer symbolischen Ordnung oder seinen Repräsentanten oder einem inneren Super-Gesetzgeber) als Objekt des Genießens anzubieten und zu opfern.

Zizeks Theorien können dazu beitragen, das Christentum entschieden als Kultur des Verstehens zu reformulieren und Theorien der Selbstüberforderung zu revidieren. Noch vor der theologisch gängigen Vorsicht, andere nicht zu verobjektivieren, ist also die Vorsicht, sich selbst nicht zu objektivieren, angebracht. Das häufig geäußerte Verbot, andere zu objektivieren, verbietet ja im Grunde etwas, was - solange ich direkt mit dem anderen umgehe oder spreche - unmöglich ist. Nicht zuletzt Lévinas hat herausgestellt, dass das Gesicht, der Blick und die Stimme des Anderen nie objektiviert werden können, vielmehr die eigene Weltsicht fundamental irritieren. Nach Zizek suggerieren solche Verbote von im Grunde Unmöglichem Handlungsspielräume und täuschen eine Möglichkeit vor, wo eine Unmöglichkeit viel beängstigender wäre, insofern diese dem aktiven Tun des Menschen eindeutige Grenzen setzt. Viel beunruhigender und durch das Verbot zu objektivieren verdeckt ist der Tatbestand, dass selbst Objekte nicht in der vorgegebenen Weise beherrschbar und die Dinge keineswegs zum Schweigen zu bringen sind. Im Aufbrechen des Triebs, im Genießen nämlich, affizieren uns die Dinge, sehen und sprechen sie uns förmlich an. Das Verbot übergeht also das Nicht-objektivieren-Können aufgrund des Pulsierens des Triebs. Auf dem Grund der Leidenschaft kann Kantianisch-Unbeding-tes und hinter dem Verbot zu objektivieren müssen Spuren alter christlicher Leibfeindlichkeit gesehen werden.
Zizeks Umformulierung des kategorischen Imperativs scheint so zentral, dass sie im Ganzen zitiert wird:

"Eine derartige Ethik ist weder imaginär (es geht nicht darum, den Nächsten wie uns selbst zu lieben, insofern er uns selbst gleicht, insofern als wir in ihm ein Bild unserer selbst sehen), noch symbolisch (es geht auch nicht darum, den andern aufgrund der Würde, die ihm durch seine symbolische Identifizierung verliehen wird, zu respektieren, durch die Tatsache, dass er zu derselben symbolischen Gemeinschaft wie wir gehört, auch wenn wir diese Gemeinschaft im weitest möglichen Sinn auffassen und ihm als 'Mensch' Respekt erweisen): Was dem anderen die Würde einer Person verleiht, ist nicht irgendein universal-symbolischer Zug, sondern genau das, was in ihm 'absolut partikulär' ist, sein Phantasma, jener Teil von ihm, von dem wir sicher sein können, dass wir daran niemals teilhaben werden. Um Kants Worte zu verwenden: Wir respektieren den anderen nicht aufgrund des universellen Gesetzes, das in jedem von uns wohnt, wir tun es im Gegenteil aufgrund seines äußersten 'pathologischen' Kerns, aufgrund der absolut partikulären Weise, in der jeder von uns 'seine eigene Welt träumt', sein Genießen organisiert."[4]

Dem Menschen ist es nach Zizek also aufgegeben, sich und andere in dem anzunehmen, was nicht kommunizierbar und nicht symbolisierbar ist, auch in dem, was durch Symbolisierungsversuche beschädigt würde. In dem Rest, der einen für immer aus der symbolischen Ordnung ausschließt, ist die ultimative Stütze der eigenen Subjektivität zu erkennen. Zizek leugnet keineswegs die Wichtigkeit des Symbolischen; nach ihm wurden und werden aber die größten Menschheitsverbrechen nicht aus einem Zuwenig an Symbol oder dem "Nachgeben vor der morbiden Attraktivität der Leere"[5], sondern aus einem Leugnen/Kaschieren des Mangels der symbolischen Ordnung begangen - in voller Überzeugung vom Sinn des Vollzugs, aus einer symbolischen Über-/Verblendung, aus einem Nicht-Ertragen-Wollen der Leere jedes Symbolsystems. Problematisch ist also die Hoffnung auf Symbolsysteme, die einen von eigener Partikularität erlösen könnten. Die Leere jedes Symbolsystems ergibt sich nach Zizek aus ihrem Gründungsakt, der immer überstürzt erfolgt, da der Einzelne vorschnell Mandate übernimmt und erfüllt, um nicht allein zu sein. Der Einzelne antwortet dabei nie konkreten Rollenerwartungen, sondern tut sogleich immer mehr, er terrorisiert sich mit Idealen: "Ein guter (Freund, Kollege...) tut aber ..., und hätte (das und das ...) auch noch machen können" - Intersubjektivitätsmodelle übersehen häufig den extremen Druck von Idealen als "soziale Substanz". Diesem begegnet Zizek mit der ungehörigen Betonung der Partikularität. In dieser Perspektive ist christliche Nächstenliebe nicht als Variante orientalischer Gastfreundschaft zu beschreiben, sondern als Anerkennung des Partikularen, als Identifikation mit dem Symptom:[6]

Therapeutisches Christentum als "Identifikation mit dem Symptom"

In dem Versuch, das Christentum als Wertschätzung des Partikularen zu bestimmen, kann man auf das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Mt 18,12-14, Lk 15,3-7) verweisen, das das Proprium des Christentums verdeutlicht: In diesem Gleichnis lässt der Hirte die 99 Schafe - gegen seine moralische Verantwortung, die es geböte, bei der Mehrzahl der Schafe zu bleiben - im Stich und geht das hunderste Schaf suchen. In einer unmöglichen, unwahrscheinlichen Weise geht es im Christentum darum, die Eigenheit des Einzelnen zu retten und als erhaltenswert zu schätzen. Christliche Gemeinschaft will gerade, dass der Einzelne seine Eigenheit der Gemeinschaft zumutet. Und es ist klar, dass eine solche Wertschätzung des Partikularen, die das Gleichnis festhält, schlecht formalisierbar oder in Gesetzen verallgemeinerbar ist.[7]

"Wertschätzen des Partikularen" meint die unwahrscheinliche Reformulierung des Ganzen vom bisher Ausgeschlossenen her. Identifikationen mit dem Rest im Stile von "Wir sind alle boatpeople", "ir sind alle Ausländer", "Tschernobyl ist überall" usw., können eine Neuordnung des Symbolischen erreichen. Erfolgt keine Neuordnung des Symbolischen, liegt auch kein politischer oder religiöser Akt und kein "Wahrheits-Ereignis", ein Begriff des französischen Philosophen Alain Badiou, vor. (Das sadistische Ausagieren Hitlers hat natürlich nichts mit einem politischen Akt zu tun, da es bestehende soziale Antagonismen ausgenutzt und gerade nicht verändert hat - das Beispiel ist von Zizek). Der Akt gerinnt immer wieder zu Ordnungen, die dann erneute Umordnung/Metanoia nötig machen.

Die christliche Wertschätzung des Partikularen ist nach Zizek mit der psychoanalytischen "Identifikation mit dem Symptom" zu vergleichen:

"Ist nicht Christus selbst das eigentliche 'allgemeine Singuläre', jenes singuläre Individuum, das für die Menschheit einsteht? Die Revolution des Christentums gründet in der Tatsache, dass es, in Übereinstimmung mit der [psychoanalytischen, M.W.] Logik der 'Identifikation mit dem Symptom', als Singuläres, das für das wahre Allgemeine steht, nicht den 'Höchsten unter den Menschen' anbietet, sondern den niedrigsten exkrementellen Überrest[:] (...) [die] Identifikation mit der erbarmungswürdigen Figur des leidenden Christus, der zwischen zwei Dieben unter Schmerzen stirbt."[8]

Zizek meint hier, dass der christliche Mythos eine Differenz in Gott selbst beschreibt und diesen Riss nicht kaschiert: Mit dem Kreuzestod Jesu übernimmt Gott selbst die Position Hiobs. Die Vorstellung von göttlicher Transzendenz ändert sich. Von der Kategorie des Rests her wird die Vorstellung vom Heil neu verstanden. Wie das Christentum das Christus-Geschehen als Geschichte Gottes identifiziert, so sieht die Psychoanalyse im Partikularen das "wahre Allgemeine".[9] Man kann sagen, dass in beiden Fällen das Allgemeine nicht dem Subjekt vorangestellt wird, sondern es zur "Subjektivierung der Substanz selbst" kommt. Zizek versteht das psychoanalytische "Wahrheits-Ereignis" christologisch:

"Das paradigmatische Beispiel des Wahrheits-Ereignisses ist nicht nur Religion im allgemeinen Sinn, sondern spezifisch die christliche Religion, in deren Mittelpunkt das Ereignis von Christi Ankunft und Tod steht (wie schon Kierkegaard gezeigt hat, kehrt das Christentum das herkömmliche metaphysische Verhältnis zwischen Ewigkeit und Zeit um: Auf gewisse Weise hängt die Ewigkeit selbst vom zeitlichen Ereignis Christi ab.) (...) Jedes Wahrheits-Ereignis führt zu einer Art 'Auferstehung'."[10]

Fazit

Zizek wurde im März 2001 in die Katholische Akademie in Bayern nach München zu einem Vortrag eingeladen. Wer von ihm leichte Kost und argumentative Schützenhilfe erwartete, war enttäuscht; Zizek entzieht sich schnellen Vereinnahmungsversuchen. Auf dem Buchdeckel von "Die Tücke des Subjekts" steht der Ausspruch von Terry Eagleton: "das philosophische Buch des Jahres", dem man nur zustimmen kann. Einige seiner Veröffentlichungen sind weiter unten aufgelistet. Zizek ist ein Kenner der Filmkultur, auch seine Filminterpretationen, nicht zuletzt die von "Matrix", sind erhellend und empfehlenswert.

Hier wurde dafür plädiert, von theologischer Seite auf Zizek einzugehen. Während Drewermanns Arbeit sich stark auf C. G. Jung stützt, hätte hier die Theologie die Chance, einen neuen psychologischen Gesprächspartner zu gewinnen, der die Abgründigkeit des Menschen und seine Unversöhnbarkeit mit sich betont. Zizek verteidigt vehement die Möglichkeit und Erfahrbarkeit von "Wahrheits-Ereignissen" (A. Badiou) oder (religiösen) Akten. Er sieht sie als Momente fundamentaler Neubestimmung und Chancen zur Restrukturierung symbolischer Ordnungen, als radikale Umkehr. Es gibt für Zizek - wie für Lacan - drei Arten, den Akt zu negieren. Der Diskurs der Herren gibt seine autoritäre Setzung als Akt aus, der Diskurs der Wissenschaft neutralisiert bzw. nivelliert den Akt, der Hysteriker täuscht Akte nur vor. Zizek meint, dass die Psychoanalyse in der Lage ist, den religiösen Akt ohne Zynismus ernst zu nehmen.[11] Er begreift Psychoanalyse als Achtung vor der Art und Weise, wie der Einzelne in ganz partikularer Weise sein Universum strukturiert. Das psychoanalytische "Durchqueren des Phantasmas" meint nicht, das Begehren zu kompromittieren, sondern einen neuen Raum des Verstehens des Zusammenhangs von Angst, Übertragung, Begehren, sozialer/projizierter Erwartung etc. zu eröffnen. Es steht für die Theologie nicht weniger in Aussicht als ein klareres Begreifen der religiösen bzw. christlichen Grunderfahrung.[12]

Vielleicht macht zum Schluss die von dem Psychoanalytiker H. Lang gern referierte Anekdote den potentiellen Gesprächspartner der Theologie sympathisch, der von der Lacanschen Schule und dem Standpunkt Freuds her argumentiert und sich um eine verstehende Achtung des Anderen bemüht: Lang erzählt, dass nicht Freud die Psychoanalyse als "talking cure" (Kur durch Worte) erfunden habe, sondern eine Patientin, Anna O. (ein Sigel) aus dem bekannten preußischen Geschlecht der Pappenheimer, die endlich zu Wort kommen wollte und ihren Arzt zum Zuhören aufforderte. Freud wirkte zunächst als Hypnosearzt, bis er sich die Erfolglosigkeit seiner Hypnoseversuche eingestand und akzeptierte, wie sehr die Klienten schon hypnotisiert waren und von diesen Hypnotisierungen erzählend loskommen wollten.[13]

Um ein letztes Motiv für eine theologische Zizek-Rezeption anzugeben, soll an Rudolf Bultmann erinnert werden, der gemäß alter theologischer Tradition Gottes- und Selbsterkenntnis in eins setzte und darum formulieren konnte:

"Ich verstehe Gott, indem ich mich selbst neu verstehe."[14]

Ähnlich wie Bultmann hält Zizeks jüngstes, gerade im Suhrkamp-Verlag erschienenes Buch "Gnadenlose Liebe", das eine Reihe weiterer theologischer Ausblicke bietet, die Möglichkeit eines fundamentalen Neuverstehens und Neubeginns als christlichem Grund-Akt fest; und hierin unterscheidet sich christliches Verstehen von philosophischem Erkenntnisstreben:

"Kierkegaard hatte recht: Die eigentliche Wahl ist die zwischen sokratischer Wiedererinnerung und christlicher Wiederholung. Das Christentum macht es uns zur Pflicht, die Gründungsgeste der primordialen Ent-Scheidung zu wiederholen. Man ist versucht, diese Tatsache im Stile von Marx' 'These Nr. 11' zu paraphrasieren: 'Die Philosophen haben uns gelehrt, unser wahres Selbst zu entdecken (erinnern), aber es geht darum, es zu verändern.' Und dieses, häufig vernebelte, christliche Erbe ist heute kostbarer als je zuvor (...)."[15]

Publikationen Slavoj Zizeks in Auswahl

Dr. phil. Matthias Wallich ist akademischer Mitarbeiter im Institut für Katholische Theologie an der Universität des Saarlandes.


© imprimatur Januar 2002
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[1] Vgl. gleichnamigen Buchtitel.
[2] Zizek, S., Die Metastasen des Genießens. Sechs erotisch-politische Versuche, S. 137.
[3] Zizek, S., Die brennende Frage: Hundert Jahre Traumdeutung lehren: Wach sein ist feige, in: Die Zeit 2.12.1999, Nr. 49, S. 50.
[4] Zizek, S., Mehr-Genießen, S. 89.
[5] Zizek, S., Die Tücke des Subjekts, S. 222
[6] Zizek, S., Gnadenlose Liebe, S. 167.
[7] Bezüglich der Unfähigkeit, Unnormiertes, Partikulares ertragen oder dafür einstehen zu können, zitiert Drewermann aus Luthers Tischreden: "Juristen können keine Christen sein." Man muss im Sinne Zizeks die Frage nachschieben: Und sind wir nicht alle Juristen? (Doppelpunkt: Eugen Drewermann, Wer die Welt in Gut und Böse einteilt, ...; in: Chrismon 07/2001, S. 37).
[8] Zizek, S., Die Tücke des Subjekts, S. 318-319.
[9] Vgl. Zizek, S., Die Tücke des Subjekts, S. 197: "Das 'uneigentliche' Wissen ist auf eine positive Seinsordnung beschränkt, blind für die strukturelle Leere und für ihre symptomatische Verdrehung, wohingegen die engagierte und subjektivierende Wahrheit eine authentische Einsicht in die Situation ermöglicht."
[10] Zizek, S., Die Tücke des Subjekts, S. 192, 194.
[11] Zizek, S., Die Tücke des Subjekts, beschrieb ja den religiösen Akt als Wahrheits-Ereignis, das eine Art Auferstehung beinhaltet (194), und Wahrheit als "theologisch-politischen Begriff" (249).
[12] Die Dialektik von Gesetz und Sünde/Übertretung und ihr Durchbrechen, das Paulus als ureigenen Sinn des Christentums ansah (Röm 7), kann psychoanalytisch nachgezeichnet werden. Gerade Röm 7 wird von Zizek (und Lacan) häufig zitiert und als psychoanalytisch hochbrisant angesehen.
[13] Lang, H., Die Sprache und das Unbewusste. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse, Frankfurt a. M. (3. Aufl.) 1998, S. 40f.
[14] Bultmann, R., Theologische Enzyklopädie. Hg. v. E. Jüngel u. K. Müller, Tübingen 1984, S. 202.
[15] Zizek, S., Gnadenlose Liebe, S. 185.