Matthias Wallich
Anleitung zur Selbstanalyse (I)
Zu neuesten Veröffentlichungen von Slavoj Zizek
Es ist an der Zeit, dass die Theologie das Denken von Slavoj Zizek zur Kenntnis nimmt und rezipiert. Zizek ist ein aus Slowenien stammender Psychoanalytiker und Philosoph, der in seiner Heimatstadt Lubl-jana Philosophieprofessor ist, mittlerweile in verschiedenen Ländern als Gastprofessor gelehrt hat und derzeit u. a. in Essen als Forschungsgruppenleiter am dortigen kulturwissenschaftlichen Institut tätig ist. Vielen ist Zizek als Autor diverser Feuilleton-Artikel der "Süddeutschen Zeitung" oder der "Zeit" ein Begriff. Sein Denken ist überaus vielseitig, bunt und reich an Beispielen; Zizeks aktuelle Forschungen setzen sich mit der Postmoderne, modernen Subjekttheorien, aber auch mit konkreten Problemen wie Rassismus und Multikulturalismus und Globalisierung auseinander. Die verschiedenen Probleme führt er auf Grundkonstellationen menschlicher Reflexivität zurück. Zizek kommt als Psychoanalytiker zu einer Subjekttheorie, die die Psychoanalyse Jacques Lacans mit Kant, Hegel und dem deutschen Idealismus verbindet. Dabei ist daran zu erinnern, dass nach Jürgen Habermas die vielfach angefeindete Psychoanalyse die einzige im Westen entwickelte systematische Methode der Selbst-erfahrung ist. Hundert Jahre nach Erschei-nen von Freuds "Traumdeutung" erblickt Zizek in ihr die angewendete Form bzw. legitime Nachfolgerin der Transzendentalphilosophie. Dass Freud als Erbe Kants angesehen wird, mag den Spannungsreichtum von Zizeks Denken andeuten. Elementar und von Zizek kaum erwähnt ist die Grundannahme, dass es für die Selbstreflexion sinnvoll ist, kein homogenes Ich, sondern verschiedene Seiten und widerstreitende Schichten des Ich anzunehmen.
Zizek macht die Position der marxistischen Analyse stark; er tritt für einen psychoanalytischen "Materialismus" ein, also ein Denken, das die psychische Grundkonstitution des Menschen und seine Einbindung in symbolische Ordnungen, letzlich den ödipalen Konflikt (also [als Kind] in Beziehungen der Dritte zu sein), ernst nimmt.
Sein Denken kann hier nicht annähernd in seiner Breite durchmessen oder in seiner Stringenz nachgezeichnet werden. Jedoch sollen in Umrissen einige seiner Positionen aufgewiesen werden, die seine Originalität belegen und zu einer Lektüre seiner zahlreichen Veröffentlichungen (vgl. unten stehende Liste) einladen: Die Lektüre ist anfangs vielleicht schwierig, aber in jedem Fall sehr lohnend.
Psychologische Ursachen des Rassismus
Gegenwärtige Nationalismen bzw. Rassismus interpretiert Zizek u. a. als Verdrängung des eigenen nicht akzeptierten Genießens. Exzessives Genießen ist das, was in mir mehr ist als ich, was nicht kontrolliert werden kann; es wird für die eigene Person geleugnet und im Anderen als unakzeptabel bekämpft: Der "Ausländer" macht Angst bzw. irritiert, er wird als entweder zu faul oder zu arbeitsam und fleißig angesehen. In jedem Fall erregt die Form, wie der Andere genießt, Missfallen und starke Ablehnung. Winzige Details werden unerträglich und lösen Hassgefühle aus. Vor allem die Angst, der andere könnte einem etwas stehlen, und das Verschleiern sowie Verschieben tatsächlicher sozialer Antagonismen bilden die Grundlage von Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Nach Zizek ist es allerdings notwendig zu erkennen, dass man das, was der Andere bedroht oder einem angeblich stiehlt, nämlich eine Form intensiven ungebrochenen Genießens, niemals hatte. Das Genießen wird, obwohl es angezielt wird, letztlich doch vor allem wegen seiner Unkontrollierbarkeit und seines Exzesses abgewehrt. "Der Hass auf den Anderen ist der Hass auf unseren eigenen Exzeß des Genießens."[1]
Aus dem Versuch, Begehren zu regulieren, wird das Begehren nach Regulation. Zizek sieht die Suche nach und den Hass auf den insekthaften Anderen, der einen stört, in vielfacher Weise wirksam; zuletzt war eine ähnliche Reaktion bei der Bekämpfung des befürchteten "Millennium-Bug" ("bug" heißt ja auch Insekt, Kakerlake), des Computer-Problems um die Jahrtausendwende, zu beobachten, als man anstrengend versuchte, eine Gefahr zu eliminieren, von der man anschließend gar nicht wusste, ob sie tatsächlich bestand. Zizek will mit diesem Beispiel nur sagen, dass die paranoischen Verhaltensmuster, die sich letztlich als Rassismus, Ausmerzung des bedrohlichen Anderen, entladen, nach wie vor wirksam sind.[2]
Multikulturalismus-Ideologie als latente Form des Rassismus?!
Zizek hat eine dezidiert klare Position in Bezug auf den Multikulturalismus. Er sieht in ihm nur den Deckmantel und das Feigenblatt für die universale Gültigkeit unerbittlicher und unveränderlicher Marktgesetze. Die derzeitige Phase der Globalisierung und des Pankapitalismus bezeichnet er als "Selbstkolonisierung". Die multikulturalistische Toleranz ist nichts anderes als ein "Rassismus ohne Inhalt": Jeder wird seiner Partikularität beraubt; spezifische Eigenheiten werden zur Folklore degradiert und nur insofern zugelassen, als sie das Marktgeschehen nicht behindern: Keiner darf zu weitergehenden Sinnoptionen finden als zu einer letztlichen Toleranzformel, die wiederum die schrankenlose Expansion westlicher Märkte vorantreibt. Der multikulturalistische Imperativ der Toleranz wird also von einer fundamentalen Einschränkung getragen. Während der Antisemitismus sich gegen eine Minderheit wendet, wenden sich die neuen marktkonformen Toleranz-Ideologien gegen jede Form von Andersheit, die mehr sein will als Folklore. Zizeks "Plädoyer für die Intoleranz" geht dahin, die aktuellen Formen der Intoleranz als Widerstand gegen übereilte Vereinnahmung zu lesen. Es ist unweit von Sarajewo geschrieben; Zizek weiß also, wovon er spricht, wenn er dafür plädiert, auf seiner Partikularität zu beharren. Politik ist die Kunst des Unmöglichen (gegen Bismarck), sie umfasst die Momente, in denen eine kleine Minderheit ihre Sache zum Anliegen der Menschheit erklärt und ausweitet - im Stile von "Wir sind das Volk" bzw. "Sarajewo ist die Hauptstadt Europas", in denen also das Partikulare in unwahrscheinlicher Weise betont wird und systemsprengend wirkt. Zizek hat die Konflikte in Jugoslawien hautnah miterlebt und Opfer der Vertreibungen und Misshandlungen therapeutisch begleitet, er legt dem fernen Beoachter eindrucksvoll nahe, den scheinbar ethnischen Konflikt in seinen tatsächlichen machtpolitischen Konstellationen zu sehen, damit dieser selbst nicht dem "ethnischen Ding" verfällt und rassistisch zu argumentieren beginnt. Gegen eine Viktimisierung - eine Art der Hilfe, die sich der Opfer nur annimmt, insofern sie Opfer sind, sie darüber hinaus nicht unterstützt, sie also in ihrer Opferrolle braucht - hat er in der EU-Politik eine klare politische Parteinahme vermisst. Gerade mit seiner Diagnose der Viktimisierung, dass wir uns gegenseitig nur als potentielle Opfer akzep-tieren können, und der Analyse verleugneter Formen des Rassismus (Formen scheinbarer Toleranz als Rassismus ohne Inhalt) hinterfragt er nicht nur die nationale Politik, sondern die alltäglichen Haltungen.
Ein "mythosfreier Humanismus" ist für ihn ein "Spukgespenst", der Mythenbeendigungsmythos ist ein "Supermythos" (des Marktes). Vom Verlust der ersten Naivität und der Gewinnung einer zweiten, reflektierten Naivität (Ricoeur) in bezug auf den Mythos ist demnach bei Zizek nicht die Rede. Der werbeinszenierte Fetischismus der Medien- bzw. Marktreligion ist der gültige Mythos der ersten Naivität. Zizek meint, dass es keinen Geist ohne Geister, keine Theorie ohne materielle Verankerung gibt, wie es umgekehrt keinen Fetischismus ohne Vergeistigung gibt. In dieser Weise hatte bekanntlich schon Marx den manifesten Fetisch Kapital durch die "offizielle christliche Geistigkeit" verdeckt und abgemildert gesehen.[3] Es ist spätestens hier klar, dass Zizek für eine Politisierung der Wirtschaft wirbt, die allerdings angesichts der schon von Luhmann vielfach prognostizierten Tendenzen zunehmender Selbstabschlies-sung der Teilbereiche in der funktionalen Gesellschaft wenig Realisierungschancen hat. [4]
Christentum als Theorie der Differenz und die Fremdheit des Subjekts
Zizek, der jährlich mehrere Monographien verfasst, überraschte - seine früheren Leser natürlich nicht - letztes Jahr mit einem Beitrag in der Schnädelbach-Diskussion um Wesen und Wert des Christentums in der ZEIT vom 15.06.2000. Ihm gelang es hier, die über weite Strecken sehr schwache Diskussion mit einer interessanten Apologie des Christentums zu beleben. Diese hat er in "Das fragile Absolute. Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen" weiter ausgebaut, wodurch Theologen endgültig auf das Werk des slowenischen Psychoanalytikers aufmerksam geworden sein müssten:
Das Christentum ist die Wertschätzung des Partikularen; gegen kosmische Ganzheitsvorstellungen und panlogistische Harmonisierungen (im Stile des New Age) setzt das Christentum auf Differenz.[5] Mit Kierkegaard versteht er es als Religion der Moderne, d.h. als eine Religion, die mit der Kosmosorientierung bricht und hierin durchaus dem Akosmismus Kants entspricht. Er sieht das Menschsein radikal einem Riss im Sein verdankt, dieser ist letztlich materialisiert im "Todestrieb", im Trauma eines ewig pulsierenden Triebs ohne Abschluss, der die Einbindung ins Sein aufbricht.
Der Mensch ist fundamental sich selbst fremd, und gegenüber seinen ihn konstituierenden Phantasien bleibt er es auch. Zizek kritisiert Theorien, die von einer Selbstvertrautheit, Selbstpräsenz und -transparenz ausgehen und meint, dass sich menschliche Reflexivität gerade dem Mangel an minimaler Selbstpräsenz verdankt (gegen Sartre, Frank, Henrich etc.):
"Ich bin mir meiner selbst bewusst, ich bin gezwungen, mich mir reflexiv zuzuwenden, nur insoweit, als ich mir niemals in meiner noumenalen Dimension 'selbst' begegnen kann, als das Ding, das ich tatsächlich bin."[6]
"Aus diesem Grund sollte man der Mystik der 'Selbstvertrautheit' als dem ursprünglichen, nichthintergehbaren Faktum mit der Behauptung entgegnen, dass das Selbstbewußtsein nur deshalb erscheint, weil es keine direkte 'Selbsterkenntnis' oder 'Selbst-Vertrautheit' des Subjekts gibt."[7] Insofern kritisiert Zizek alle gängigen Authentizitätsforderungen, die uns als "Sei spontan"-, "Sei leidenschaftlich"-, "Sei autonom"-Imperative mit paradoxieträchtigen Doublebinds benebeln. Es ist allerdings nicht so, dass Zizek damit der Postmoderne das Wort redet; ganz im Gegenteil. Gerade der Postmoderne wirft er vor, eine Karikatur des modernen Selbstbewusstseins zu bekämpfen. Denn schon für Kant war das Subjekt sich und der Welt gegenüber fremd (Akosmismus) und durch eine Verwerfung im Sein konstituiert. Mit Hegel, den er mit seinem Lehrer Jacques Lacan, dem berühmten Pariser Staranalytiker (+ 1981), verbindet, versucht er klarzumachen, wie wegweisend idealistisches Denken war: Hegel denkt bereits schon, dass es unmöglich ist, eine Totalität zu denken, ohne dass sich ein Element in die Ganzheit einschleicht, die diese wiederum überschreitet und zu ihrem Kollaps führt. Die Unmöglichkeit, Ganzheiten widerspruchsfrei zu denken, zeigt der Witz "Ich habe drei Brüder: Karl, Paul und mich". Diese Logik zeigt sich auch in Bezug auf das Denken unserer Beziehung zur Welt; wir denken sie als abgeschlossene Ganzheit, diese Vorstellung bestätigt sich zuletzt mit Verweis auf die Quantenmechanik allerdings nicht. Unser Erkenntnisakt bestimmt die Wirklichkeit mit, indem er in sie eingreift. Der Versuch, die Dinge jenseits ihrer Phänomenalität zu sehen, sitzt einer Fatamorgana auf: Die Vorstellung einer Vollständigkeit der Welt, einer vollständigen und unberührten Substanziali-tät jenseits unserer Betrachtung ist ein Spiegeleffekt, eine Fiktion unserer Wahrnehmung. Die Welt ist also nicht mehr als komplettes Ganzes ohne fundamentalen ontologischen Riss (das Subjekt) denkbar:
"Gerade die Endlichkeit des transzendentalen Subjekts als für die
objektive Realität grundlegende hat es Kant gestattet, aus dem Rahmen der
traditionellen Metaphysik herauszutreten und den Begriff des Kosmos als das
geordnete Ganze des Seins zurückzuweisen. Sie hat es ihm erlaubt zu
postulieren, dass die Seinsordnung, das Feld der transzendental konstituierten
Realität an sich, nicht totalisierbar ist, nicht logisch
zusammenhängend als ein Ganzes gedacht werden kann, da sie nur als
Anbindung an die endliche Subjektivität existiert."[8]
Zizek legt in ähnlicher Weise dar, dass bzw. wie unser Phantasma unsere
(symbolisch konstruierte) Realität stützt. Auf dem Hintergrund seiner
Ausführungen hätte die Theologie die menschliche Phantasie
(Einbildungskraft, Imagination und Spontaneität), die bislang
unterschätzt und an Vernunftbegriffe gekettet war, stärker zu
thematisieren.
Das Tamagotchi und das Christentum als Aussetzung des Ethischen
Das Christentum ist nach Zizek wesentlich die Option für das Partikulare. Insofern geht es mit der Psychoanalyse konform, die sogar die radikale Partikularität, nämlich den Trieb, wertschätzen kann. Letztlich geht es Zizek darum, den "Wahnsinn der Vernunft" (G. Gamm) und den Wahnsinn der Normalität aufzuzeigen. Zizek kann zeigen, wie sehr Zynismus und Ironie im Grunde Einbindung in die abgelehnten vorgegebenen Strukturen bedeuten. Zizek legt vor allem dar, wie für die meisten Menschen Gott nichts anderes ist als ein Tamagotchi, eine virtuelle Befehlsinstanz, die uns zum Tun auffordert und permanent aktiv hält. Das virtuelle Haustier, das gepflegt werden muss, erinnert nicht mehr an ein Tier/Kuscheltier oder ein uns affizierendes Kindchen-Schema; entscheidend ist hier, dass ein Computerprogramm Forderungen aufstellt, denen dann zwanghaft Folge geleistet wird. Das Tamagochi macht uns also unser Bedürfnis, für andere zu sorgen, in seiner krankhaft-obszönen Form bewusst. Gott wird nach Zizek häufig mit dieser Überich-Ordnung verwechselt, die wir brauchen und die ein sozial anerkanntes Verhalten sicherstellt.[9]
Zizek legt dar, dass das Ziel von Psychoanalyse und letztlich auch von christlicher Religion darin besteht, das Handeln in Opferkategorien zu überwinden und der Neigung, sich als Opfer anzubieten und damit zu verobjektivieren, zu widerstehen. Das Christentum ist für ihn wie für Kierkegaard nicht Ethik, sondern die Aussetzung des Sollens, die Überwindung des Ethischen.[10] Hier macht Zizek auf das Verdienst Kierkegaards aufmerksam, eine klare Grenze zwischen Ethik und Religion gezogen zu haben. Das Religiöse meint den (unmöglichen) Akt, der - wenn die von Zizek selbst stammende Analogie gestattet ist - ähnlich wie der Geschlechtsakt nicht als Fortsetzung des Gesprächs gesehen werden kann, der vielmehr den Dialog und das Performative gerade aussetzt und von seinen Grenzen her eine Neubestimmung des symbolischen Feldes bzw. der symbolischen Ordnung erlaubt.
Zizek plädiert also radikal dafür, "in seinem Begehren nicht nachzugeben", d.h. die Partikularität seines Begehrens, gerade insofern es die symbolischen Ordnungen überschreitet, anzunehmen. Zizek kritisiert die Moral, insofern sie Opfer verlangt und die permanente Überich-Unterdrückung in der Form der (bangen) Frage: Was will der andere von mir? oder von Idealen: "Ein guter (Freund, Kollege etc.) müsste doch ..." verstärkt. Es ist für den Menschen nur schwer möglich, die Leere und den Mangel von symbolischen Ordnungen zu ertragen. Jedoch ist jede symbolische Ordnung um einen solchen Mangel konstituiert. Das Opfer will diese Leere kaschieren, indem es übereilt sich mit der Ordnung identifiziert. Viele Opferhandlungen sind für Zizek pervers, denn hier bietet sich der Einzelne der Ordnung als Objekt des Genießens an. Und Überidentifikationen sind letztlich immer Selbstinstrumentalisierungen.[11] Der Theologie stünde eine Kritik der Selbstobjektivierung nicht schlecht.
Zur Kritik der Selbstüberforderung
Zizek meint, dass es notwendig zum modernen Subjekt gehört, dass es sich schuldig fühlt. Er weist darauf hin, dass das autonome Subjekt sich dem kategorischen Imperativ Kants unterstellen muss, um sich als frei zu definieren: Der Imperativ fordert permanent das zu tun, was zugleich verallgemeinerbar von allen getan werden könnte, also Menschheitsgesetz werden könnte (vgl. auch die Goldene Regel Jesu oder von Konfuzius). Im Imperativ Kants bleibt aber immer unklar, ob die Tat tatsächlich dem großen Anspruch genügte, ob sie aus Pflicht oder nicht doch aus niederen Motiven vollzogen wurde, ob seine Befolgung tatsächlich dem Anspruch, die Menschheit zu realisieren, entsprach.
Unklarheit bzw. Ambivalenz hinsichtlich der schließlichen moralischen Bewertung einer Tat ist ein Effekt des Imperativs. Die Gültigkeit der kategorischen Generalnorm des autonomen Subjekts liegt in ihrer formalen Entleerung von jeder inhaltlichen gesetzlichen Bestimmung begründet; was konkret zu tun ist, muss immer das Subjekt selbst wissen; und es muss ihm immer schon zugetraut werden. - Man spürt im Imperativ die Paradoxie des "Du kannst, denn du sollst!". - Zizek sagt, dass in der Moral das "Dass des Gesetzes" dem "Was des Gesetzes" vorausgeht. Zur existentialisti-schen Grundaussage, dass die Existenz (das Dass) der Essenz (dem Was) vorausgeht, gehört also die Schattenseite der moralischen Selbstüberforderung, eine fast unbewältigbare Schuldproblematik.[12] Zizek definiert das Unbewusste letztlich als das Regiment eines solchen Gesetzes, das einen ständig (über-)fordert.
Die Analyse der (modernen) Selbstüberforderung muss aber wenigstens eine hilfreiche, infolge der christlichen Bußtradition stark vernachlässigte Unterscheidung einführen, nämlich die grundsätzliche Differenz des Status von Phantasien, von bewussten Gedanken oder dann Taten. Phantasien bzw. Gedanken, die sich einem aufdrängen, sind von gänzlich anderem Charakter als entschlusskräftige Gedanken, und diese sind nochmals anders als ihre Umsetzung. Dieser Unterschied scheint banal und einfach, er ist aber als ein "missing link" oder "verschwindender Vermittler" der Zizekschen Ausführungen wichtig. In einer Tradition, die die Möglichkeiten der Selbstreglementierung überschätzt, indem sie etwa sexuelle Phantasien als gleichermaßen regulierbar oder sündig wie Taten ansieht - dies häufig mit Bezug auf die Bergpredigtaussage, wonach der schon Ehebruch begangen hat, der eine Frau nur lüstern ansieht -, wird die Grenze zwischen Gedanken und Handlungen verwischt: Für den Nicht-Paranoiker ist diese Grenze, die klare Unterscheidung von Gedanken und Taten, aber fundamental.[13] Wer bestimmte Gedanken nicht haben darf/will, wird diese umgekehrt durch angstvolle Fixierung und permanente Vermeidungsversuche nicht mehr los. Man muss an Freuds Aussage erinnern, dass die Kirche der Sexualität in ihrer Fixierung auf diese Thematik gerade zuviel Gewicht gegeben hat; die Sexualisierung aller Lebensvollzüge hat also lange vor der so heftig kritisierten Ausbreitung von Sex-Themen in den Medien eingesetzt. Zizek zeigt ja, dass gerade das Pulsieren partikularer Triebe das materielle Fundament unserer Geistigkeit ist, insofern sie den Menschen aus der Einbindung in den Kosmos herausreißt. Dies könnte zu ihrer Neubewertung Anlass geben.
(wird fortgesetzt !)
Dr. phil. Matthias Wallich ist akademischer Mitarbeiter im Institut für Katholische Theologie an der Universität des Saarlandes.
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