Paul M. Müller

Nikolaus von Kues (1401-1464)

Leben und Denken in einer Übergangszeit


"600 Jahre Cusanus" - unter diesem Titel wird von Januar bis Dezember 2001, vor allem in seinem Heimatort Bernkastel-Kues, aber auch in Trier und Koblenz an den großen Kirchenmann, Theologen und Philosophen aus der Moselgemeinde Kues erinnert. In zahlreichen Akademien, Vorträgen, Tagungen und Gottesdiensten wird der Kardinal von der Mosel von Januar - Dezember 2001 gefeiert. Vielfach gilt er als Pförtner in eine neue Zeit. Er fasziniert bis heute Philosophen, Theologen und Humanisten, weil er die scholastische Philosophie und Theologie des Mittelalters durch ein neues, neuzeitliches, von Mathematik und Naturwissenschaften inspiriertes Denken, vor allem in seinem Werk "De docta ignorantia" (1440), ablöste. Sein Welt- und Kirchenbild entwickelte er vor allem in seinem Werk "De concordantia catholica" (1432). Er formulierte es noch unter dem Denkhorizont der mittelalterlichen Ordnungsvorstellung, in der Kirche und Reich ein "Sacrum Imperium" bilden, eine organische Kulturgemeinschaft, in der Gott, Priester und Gläubige ihren bleibenden Ort haben.

Cusanus - sein Leben im Überblick

Geboren wird Nikolaus 1401 in Kues als Sohn von Henne Cryffs (Krebs) und Katharina, geb. Römer. Sein Vater brachte es als Fährmann zwischen Bernkastel und Kues und als Moselschiffer zu relativem Wohlstand. Durch die Vermittlung des Grafen Theoderich von Manderscheid begann seine "höhere" Laufbahn. Im Flämischen Deventer, bei den "Brüdern des gemeinsamen Lebens", erhielt Nikolaus die Vorbereitung zum Universitätsstudium. Ab 1416 studierte er in Heidelberg, wo die strittigen Fragen und Entscheidungen des Konstanzer Konzils (1414-1418) leidenschaftlich diskutiert wurden, vor allem die konziliare Idee und die entsprechende Entscheidung, dass das Konzil über dem Papst steht, nicht weniger die Verurteilung und Verbrennung von Johannes Huss.

Nach eineinhalb Jahren in Heidelberg ließ Nikolaus sich als Jurastudent in Padua einschreiben. Hier traf er auf begeisterte Humanisten, aber auch auf Mathematiker und Astronomen, die nicht ohne Wirkung auf seine philosophischen Überlegungen blieben. 1423 beendete er seine Studien in Padua mit der Promotion zum Doktor des kanonischen Rechtes. Gefördert durch den Erzbischof von Trier, studierte er anschließend in Köln Philosophie und Theologie. Hier, wo auch Meister Eckhart gelehrt hatte, kam er in Berührung mit der deutschen Mystik. Seine auch spätere Beschäftigung mit der Mystik wird belegt u.a. durch von ihm kommentierte Ausgaben von Dionysius Areopagita (Einfluß auf die deutsche Mystik) und Handschriften von Meister Eckhart in seiner Bibliothek in Bernkastel-Kues. Nikolaus von Kues schätzte die Schriften des Dionysius vor allem wegen des neuplatonischen Gedankengutes, die neben denen von Meister Eckhart seine Theologie beeinflussten. So sehr er die Schriften des Dionysius Areopagita wegen ihres neuplatonischen Gedankengutes schätzte, zweifelte er an ihrer Echtheit. Die "Isidorischen Dekretalen", eine Sammlung von Papstbriefen und Synodalbeschlüssen mit dem Text der "Konstantinischen Schenkung", konnte er aufgrund seiner humanistischen Studien definitiv als unecht, weil als Schrift des 8. Jahrhunderts, erweisen. 1425 erhielt er die Pfarrei Altrich als erste Pfründe, 1427 wurde er Stiftsdekan in St. Florin in Koblenz.

Wie kam Nikolaus von Kues auf die Bühne der europäischen Kirche? Graf Ulrich von Manderscheid, Dekan des Kölner Domkapitels, stritt mit dem Bischof von Speyer um den Erzbischofssitz in Trier. Der Speyerer Bischof, vom Papst zum Bischof von Trier bestimmt, stand gegen den Dekan des Kölner Domkapitels, zugunsten dessen das Trierer Domkapitel gestimmt hatte. Der Streitfall wurde dem Basler Konzil zur Entscheidung vorgelegt. Cusanus übernahm 1432 die Vertretung der Sache Ulrichs in Basel. Aufgrund seines gelehrten und versierten Auftretens wurde man dort auf ihn aufmerksam; Giuliano Cesarini, den er in Padua kennengelernt und der ihn mit Platon und Aristoteles in Verbindung gebracht hatte, machte ihn zu seinem Sekretär, schließlich zum Mitglied der Deputation über Glaubensfragen. In dieser Eigenschaft berief man ihn, die Verhandlungen mit den Hussiten zu führen. Es gelang ihm, diese Verhandlungen mit einem Einigungsvertrag 1436 in Iglau zu einem positiven, wenn auch nur vorläufigen Ende zu bringen.

Das Ansehen des Nikolaus von Kues verstärkte sich, als er 1433 mit seiner großen Programmschrift "De concordantia catholica" vor das Konzil trat, in der er nach dem Schema der platonischen Anthropologie (Geist-Seele-Leib) das Leitbild einer universalistischen Weltordnung auf der Grundlage der mittelalterlichen Kirchen- und Reichsvorstellung - damals noch als Vertreter des Konziliarismus - entwirft. Zwar verlor Nikolaus von Kues den Streit um die Besetzung des Trier Bischofsstuhls (Rom setzte den eigenen Kandidaten durch); mit dem Prozess aber hatte er den Weg zu einer bedeutenden kirchlichen Persönlichkeit eingeschlagen. Anfänglich mit konziliaren Vorstellungen auf der Seite des Basler Konzils, schlug er sich mit seinem Freund, Kardinal Cesarini, auf die Seite des Papstes Eugen IV.

1437 erhielt Nikolaus von Kues als Vertrauter Eugen IV. den ehrenvollen Auftrag, den Kaiser Johann Paleologus und den Patriarchen Joseph von Konstantinopel nach Italien zu geleiten. Vorausgegangen waren Verhandlungen, die die führenden Persönlichkeiten der Ostkirche dazu hatten bewegen können, in Fragen der christlichen Einheit das persönliche Gespräch mit dem Papst zu suchen. Bei der Eröffnung des Unionskonzils (1438) in Ferrara stellte sich Cusanus, weil es ihm offensichtlich um die Einheit der Kirche ging (ganz im Sinne seiner auf letzte Einheit ausgerichteten Philosophie), gegen die Basler Konziliaristen auf die Seite Eugen IV. Er war in die Unionsverhandlungen einbezogen und konnte 1439 in Florenz den Erfolg seiner Bemühungen in der feierlichen Verkündigung der Vereinigung der christlichen Kirchen durch die Bulle "Laetentur coeli" gekrönt sehen.

1440 zieht sich Nikolaus nach Münstermaifeld zurück, wo er seit 1435 Propst war, und vollendet sein zweites grundlegendes Werk "De docta ignorantia", in dem er mit großem Urvertrauen in die menschliche Vernunft seine bis heute beachtenswerten philosophisch-theologischen Gedanken u.a. die bekannte "coincidentia oppositorum", das Zusammenfallen der Gegensätze, formuliert. 1447 stiftete er das St.-Nikolaus-Spital in Kues, ein Altersheim für 33 Männer mit einer einzigartigen Bibliothek des Kardinals.

Mit seiner Berufung zum Kardinal (1448) und mit der Ernennung zum Bischof von Brixen (1450) erhielt er den Auftrag zur Kirchenreform. 1451-1452 durchreiste er als Legat des Papstes, insbesondere zur Reform des Ordenslebens, die deutschen Lande von Wien bis Brüssel, von Magdeburg bis Trier. Bemerkenswert dabei u.a. ist, dass Cusanus notfalls Laien gegen den Klerus mobilisierte, was ihm die Trierer Minoriten zum Vorwurf machten. Die Reformen im eigenen Bistum Brixen führten in einen Konflikt mit Sigismund von Tirol. Ganz im Sinne der allgemein aufstrebenden Fürstengewalt ging es vor allem um bischöfliche gegen landesfürstliche Rechte; die innere Reform der Kirche blieb dahinter zurück. Schließlich folgte er den Bitten Pius II., seines Jugendfreundes, des Kardinals Andrea Silvio Piccolomini, nach Rom zu kommen. Die Entschuldigung des Brixener Bischofs, dass er in Rom doch nicht gehört werde, hatte sein Freund Piccolomini, seit 1458 Papst, nicht gelten lassen wollen. Zudem bot sich dem Bischof die Gelegenheit, dem nicht enden wollenden Kleinkrieg in seinem Bistum aus dem Weg zu gehen.

Pius II. berief ihn in eine Reformkommission von Kardinälen, Bischöfen und Prälaten, die die Reformbedürftigkeit der Kurie untersuchen sollte. Die Reformvorschläge der Kommission sind vor allem in der von Cusanus formulierten "Reformatio generalis" in die päpstliche Bulle "Pastor aeternus" eingegangen, die wegen des Todes Pius II. nicht mehr publiziert wurde. Die "Reformatio generalis" des Cusanus enthält neben grundsätzlichen theologischen Überlegungen zur Reform als Rückkehr der Kirche über Christus zu Gott, 14 Regeln zur Visitation und zur Reform der Kirche an Haupt und Gliedern, vor allem zur Reform der Kurie. Nikolaus von Kues verstand Reform als Rückführung auf die ursprüngliche Form. Für den Christen ist diese Form Christus. Der Name Christ, wie der Name überhaupt, verpflichtet. Das gilt vor allem auch für den Namen des Ordensmannes, des Priesters, des Bischofs, des Papstes und der gesamten Kurie. Für einen platonischen Denker wie Cusanus sind Name und Amt nicht Schall und Rauch. Mit seinen Reformregeln will er die Menschen auf das zurückführen, was sie sind, auf das, was ihr Name bedeutet, auf die Versprechen, die sie als Christ, Mönch oder Bischof gegeben haben. Wenn der Philosoph Karl Jaspers diese Art von Reform als zu wenig religiös begründet und zu formalistisch kritisiert, als bloße Reform innerhalb der bestehenden Kirche, als nicht revolutionär, so muss gesagt werden, dass die Regeln für die Visitatoren u.a. mit Verweisen auf die Urkirche versehen sind, auf die "ecclesia primitiva", die ursprüngliche Kirche, wie Cusanus sie sieht, als reine Braut Christi, letztlich auf die Form, auf den Namen des Evangeliums. Revolutionär allerdings war er nicht.

Nikolaus von Kues blieb weiterhin schriftstellerisch tätig. Er starb am 11. August 1464 in Todi in Umbrien. Sein Grab befindet sich in Rom in der Kirche San Pietro in vincolo, sein Herz ist in der Kapelle des Nikolausstiftes in Bernkastel-Kues beigesetzt. Insgesamt blieb die von ihm angestrebte Reform der Kirche an Haupt und Gliedern ohne merklichen Erfolg. Das heraufkommende Papsttum der Renaissance wandte sich anderen Vorstellungen zu. Die eigentliche Reform blieb der protestantischen Reformation und der sich anschließenden katholischen Reaktion vorbehalten.

(Wird in einem 2. Teil fortgesetzt, der sich vor allem mit den beiden Hauptwerken des Nikolaus von Kues "De concordantia catholica" und "De docta ignorantia" befasst.)


© imprimatur 1.April 2001
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