Leonardo Boff
Die römische Ideologie ist totalitär
Bei Lichte besehen: Ratzingers Erklärung "Dominus Jesus"
"Es gibt eine Form der Gottesleugnung,
die nur Kirchenleute zustande bringen:
von Gott, von seiner Offenbarung und
seiner Gnade zu reden,
ohne die mindeste Compassion mit den Armen und Beleidigten zu
bezeugen."
Zum Abschluss der Feierlichkeiten anlässlich von 2000 Jahren Christentum präsentiert Kardinal Ratzinger uns ein Lehrdokument, für das wir ihm dankbar sein müssen. Darin wird ungeschminkt und unverblümt dargelegt, wie ein Teil der Kirche, nämlich die vatikanische Hierarchie, über die Offenbarung, über den Willen Gottes in Christus, über die Beschaffenheit der Kirche, über den ökumenischen und interreligiösen Dialog denkt. Jetzt wissen alle Frauen und Männer guten Willens, gläubige und spirituelle Menschen, alle christlichen Kirchen und jeder Mensch, der zu ihnen gehört, was sie im Hinblick auf die Zukunft des mikro- und makroökumenischen Dialoges von der hierarchischen Kirche des Vatikans zu erwarten haben und was nicht. Diese Zukunft ist grauenvoll, stimmt aber vollständig mit dem System überein, das die hierarchische Kirche des Vatikans im Laufe der letzten Jahrhunderte ausgearbeitet hat und das jetzt auf steinernen Gesetzestafeln präsentiert wird: das eisern-unerbittliche, grausame und erbarmungslose römische System.
Die unglaubliche Aggressivität eines schüchternen Kardinals
Sarkastisch, aber wahrhaftig lässt sich das Werk ganz einfach so
zusammenfassen:
Christus ist die einzige Straße zur Erlösung und allein die Kirche
verfügt über das Zulassungsrecht. Niemand kann die Straße
befahren, ohne diese Mautstelle passiert zu haben. - Noch einmal anders:
Christus ist das Telefon. Aber die Kirche ist die Telefongesellschaft. Alle
Telefonate im Nah- und Fernbereich kann nur sie vermitteln.
Kirche und Christus bilden zusammen den einzigen "ganzen Christus" (Nr. 16), denn "wie es nur einen einzigen Christus gibt, so gibt es nur einen einzigen Leib Christi, eine einzige Braut Christi: die alleinige katholische und apostolische Kirche" (Nr. 16). Außerhalb der Vermittlung durch die Kirche befinden sich alle, auch die "Nichtchristen, [...] objektiv in einer schwer defizitären Situation" (Nr. 22). Mit allem Nachdruck wird durch ein Zitat aus dem Katechismus der katholischen Kirche unterstrichen:
"Wir sollen an niemand anderen glauben als an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist" (Nr. 7).
Warum ein solcher Reduktionismus?
Darauf antwortet das römische System: weil es "der endgültige und
vollständige Charakter der Offenbarung Jesu Christi"
so verlangt (Nr. 4). Mögen auch Jahrtausende vergehen oder die Menschen zu
anderen Planeten und Galaxien auswandern, die Geschichte bleibt dennoch bis zum
Endgericht wie versteinert, denn in Offenbarungsdingen gibt es absolut nichts
Neues mehr: "Es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten
vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus"
(Nr. 5). Das System ist vollständig geschlossen. Das Ganze ist
Privateigentum der Kirche (der vatikanischen Hierarchie), die es über die
ganze Welt ausbreiten soll.
Was will sie den Menschen sagen, die eine Entwicklung von Millionen Jahren und eine eigene spirituelle Begegnung mit Gott hinter sich haben; was will sie den anderen Christen sagen, die keine römischen Katholiken sind? Die Antworten lassen keine Fragen offen und sind unzweideutig, regelrechte Dolchstöße ins Herz der Adressaten:
Euch den gläubigen Menschen der Welt, Mitgliedern von Religionen, die häufig sogar älter sind als unser Christentum (wie der Buddhismus oder der Hinduismus) verkünde ich diese trostlose Wahrheit: Ihr verfügt über keinen ,theologalen Glauben'; ihr besitzt nur ,Überzeugungen'; Eure Lehren sind keine Wirkungen des Heiligen Geistes, sondern etwas, das der Mensch auf seiner Suche nach der Wahrheit [...] ersonnen hat' (Nr. 7). Wenn ihr über irgendwelche positiven Elemente verfügen solltet, kann man ihnen nicht einen göttlichen Ursprung [...] zuerkennen' (Nr. 21), ja sie gehören euch nicht einmal, vielmehr gehören sie uns, denn ihr erhaltet ,vom Mysterium Christi jene Elemente des Guten und der Gnade, die darin vorhanden sind' (Nr. 8). Ihr orthodoxen Kirchen, die ihr über Hierarchie und Eucharistie verfügt, ihr seid nur ,Teilkirchen' ohne vollkommene Gemeinschaft, weil ihr den Primat des Papstes nicht akzeptiert (Nr. 17). Und Ihr evangelischen Kirchen, von denen einige aus der Reformation hervorgingen und andere später entstanden, hört aufmerksam dieses Urteil: Ihr seid ,nicht Kirchen im eigentlichen Sinn' (Nr. 17); Ihr seid ,getrennte Gemeinschaften' [...] ,deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet' (Nr. 17).
Und nun hört alles, was das II. Vatikanische Konzil entschied und was wir bekräftigen:
,Die einzig wahre Religion [...] ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten' (Nr. 23). Ihr sollt wissen, dass allein in ihr die Wahrheit lebt. Alle Menschen sind dazu verpflichtet, ihr anzuhängen; denn außerhalb dieser Wahrheit befindet Ihr euch unheilbar im Irrtum.
Das Dokument, eine höchst anschauliche Darstellung totalitärer Herrschaft, will im Grunde allen erbarmungslos und brutal sagen:
Ohne Christus und die Kirche besitzt Ihr überhaupt nichts Eigenes; und
wenn Ihr per Zufall irgendein positives Element hättet, gehört es
nicht Euch, sondern Christus und der Kirche. Euch bleibt nichts anderes, als
Euch zu bekehren. Ohne Bekehrung lauft Ihr objektiv Gefahr verloren zu
gehen.
Mit solchen Thesen hat sich der schüchterne Kardinal Ratzinger als
Exterminator jedes zukünftigen Ökumenismus erwiesen. Wie entstand
dieses totalitäre System, diese römische Ideologie, die so viele
Opfer hervorgerufen hat und die einen Diskurs formuliert, der Ausschluss und
Hoffnungslosigkeit verbreitet?
Der römisch-hierarchische Kapitalismus
Die Art dieses Diskurses ist kein Spezifikum der Römischen Ideologie, sondern kennzeichnet alle zeitgenössischen totalitären Herrschaftsformen: Nazi-Faschismus, Stalinismus, Religiöse Sektenbewegung, Regimes der Nationalen Sicherheit in Lateinamerika, Marktfundamentalismus und neoliberales Einheitsdenken. Das System ist totalitär und in sich geschlossen. Im Fall der vatikanischen Hierarchie sprechen katholische Theologen vom "totatus", wenn sie den Absolutismus der Päpste kritisieren. Jeder Mensch muss sich, wie das Dokument von Ratzinger sagt, ihm überantworten,
"indem er sich [...] mit Verstand und Willen voll unterwirft und [...] willig zustimmt" (Nr. 7).
Wahrheit gibt es nur innerhalb des Systems. Nur wer dem System Gehorsam erweist, hat auch Teil an den Wohltaten der Wahrheit, nämlich der Erlösung. Alle anderen befinden sich im Irrtum.
Wer von sich behauptet, allein im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, ist dazu verdammt, sich anderen gegenüber, die nicht zu ihm gehören, intolerant zu verhalten. In all diesen totalitären Herrschaftsformen trifft man stets auf die gleiche Strategie: die anderen sind zu bekehren oder zu unterwerfen, zu demoralisieren oder zu vernichten. In Lateinamerika kennen wir diese Methode gut. Die ersten spanischen Missionare, die mit der absolutistischen römischen Ideologie nach Mexiko, nach Peru oder in die Karibik kamen, haben sie minutiös angewandt. Sie hielten die Gottheiten der indigenen Religionen für falsch, ihre Lehren für pure Erfindungen von Menschen und beseitigten sie mit dem vom Kreuz gesegneten Schwert. Das Echo der Klagen, welche die aztekischen Weisen damals anstimmten, ist bis heute zu hören:
"Ihr habt gesagt, dass unsere Götter nicht wahr seien. Was ihr uns da sagt, ist ganz neu. Deswegen sind wir verwirrt und ... bedrückt. Hört ihr Herren, tut unserem Volk nichts an, was ihm Unglück bringt und es verdirbt... Wir können nicht ruhig bleiben" (Miguel León Portilla, A conquista da América Latina vista pelos indios, Vozes, Petrópolis 1987, 21-22).
Die Mayas klagten:
"Oh, lasst uns Trauer tragen, weil (die spanischen Christen) gekommen sind .... Ihretwegen sind unsere Blumen verdorrt. Um ihre Blume zum Leben zu bringen, haben sie unsere Blume beschädigt und vernichtet... Die Sonne verdunkeln - das ist es, was sie hier erreichen wollen... Jener ,wahre' Gott, der vom Himmel kommt, will bloß von der Sünde sprechen, seine Lehre hat nur mit der Sünde zu tun. Sie haben uns mit Angst erfüllt." (Portilla, ebd. S. 60-62)
Vermag Kardinal Ratzinger sich vorzustellen, was ein frommer Presbyterianer,
der mitten im Urwald des Amazonas mit Ureinwohnerinnen zusammenarbeitet,
fühlt, oder was ein taoistischer Mönch, der in seine Kontemplation
vertieft ist, denkt, wenn man ihnen bei irgendeinem interreligiösen
Treffen sagen würde, dass sie ungläubig sind, oder dass sie keine
Kirche sind, die überhaupt etwas Göttliches oder Positives in sich
habe, dass vielmehr alles, was sie besitzen, nur von Christus und der Kirche
kommt? Verspottet und gedemütigt hätten sie Grund zum Weinen wie die
Azteken und die Mayas. Und ihre Klage träfe Gott ins Herz, der stets den
Schrei der Unterdrückten hört, - auch ohne die völlig
überflüssige Vermittlung der Kirche. Aber weil sie redlich und weise
sind, würden sie sicherlich über so viel Arroganz, so viel Mangel an
Respekt und über eine so große spirituelle Leere hinsichtlich der
Wege Gottes im Leben der Völker nur lächeln.
Die Strategie des vatikanischen Dokumentes gehorcht der gleichen Logik wie die
totalitären Herrschaftsformen: der Logik der Demoralisierung und der
Erniedrigung bis hin zur völligen Missachtung des theologalen Wertes in
den Überzeugungen der Anderen. Diese Logik zerstört alle Blumen des
nicht-katholischen Religions-Gartens, damit einsam und überlegen nur die
Blume der römisch-katholischen Kirche erblühe. Das geschieht alles
sogar mit Berufung auf Gott, Christus und die Göttliche Offenbarung,
sodass man frohgemut gegen das Zweite Gebot des Gottesgesetzes verstoßen
kann, das verbietet, den heiligen Namen Gottes zu missbrauchen bzw.
menschlichen Interessen zu unterwerfen.
Woher kommt dieser erbarmungslose fundamentalistische Rigorismus? Wir wollen hier nicht die historische Forschung resümieren, die die besten katholischen Historiker und Exegeten betrieben haben und die Kardinal Ratzinger alle kennt, weil er sie in den Studierstuben von Freising, Bonn, Tübingen und Regensburg alle studiert hat: Aus einer geschwisterlichen Gemeinschaft am Anfang des Christentums entstand aus verständlichen, aber nicht zu rechtfertigenden historischen Gründen eine pyramidal organisierte Kirchengesellschaft von Ungleichen.
In den ersten Jahrhunderten bis weit über das erste Jahrtausend hinaus hatte das christliche Volk Teil an der Macht in der "Kirche als der Gemeinschaft der Glaubenden", an der Wahl der Amtsträger und an deren Entscheidungen, nach dem antiken Motto: "Was alle angeht, muss von allen besprochen und entschieden werden". Später wurde das Volk nur noch befragt und schließlich völlig marginalisiert und der Befähigung beraubt, die es ursprünglich besaß. So entstand in der Kirche eine unbestreitbare Spaltung und Ungleichheit: Auf der einen Seite die Hierarchie, die alles weiß, die alles lehrt, die alles diskutiert und über alles entscheidet, auf der anderen Seite - oder besser darunter - die Masse der ohnmächtigen und für abgesetzt erklärten Glaubenden, die zu gehorchen und der Hierarchie bedingungslos zu folgen haben.
Diese Realität ist in sich pervers und widerspricht dem ursprünglichen Sinn der Botschaft Jesu. Die Vatikanische Hierarchie erarbeitet eine entsprechende Theologie mit dem Ziel, ihre Macht zu rechtfertigen, zu sakralieren und zu bestärken. Damit diese Macht absolut, unantastbar und unveränderbar wird, unterstellt man ihr eine göttliche Herkunft, während sie in Wirklichkeit historisches Produkt einer unerbittlich fortschreitenden Enteignung ist. Um dieses Pharaonen-Gebäude zu errichten, greift die vatikanische Hierarchie zur Manipulation von Dekreten und zur Fälschung des berühmten Testamentes von Konstantin bis hin zum "Dictatus Papae" von Gregor VII im Jahr 1075, durch das die absolute Macht des Papsttums in Worten wie diesen festgeschrieben wurde:
"Der Papst ist der einzige Mensch, dem alle Fürsten die Füße küssen (das galt bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch bei Pius XII), sein Urteil darf von niemandem verändert werden, nur er darf die Urteile aller verändern. Er darf von niemandem beurteilt werden".
Pius IX, der unglücklicherweise soeben seliggesprochene, verkündet die Unfehlbarkeit seines Amtes, so dass er alles aus sich selbst heraus ohne die Zustimmung der Kirche entscheiden kann. Im Licht dieser totalitären Ideologie werden die Heiligen Schriften gedeutet und alles aus ihnen herausgelesen, was dazu dienen kann, diese Doktrin, die nur aus Machthunger ersonnen ist, zu begründen, während alle gegenteiligen Perspektiven spiritualisiert oder einfach verschwiegen werden.
Man muss daran erinnern, dass der historische Jesus einem ähnlich absolutistischen System zum Opfer gefallen ist, jenem, das die Schriftgelehrten und Pharisäer konstruiert hatten. Im Namen dieses Systems lehnten sie Jesus als falschen Propheten ab, als Feind der Wahrheit, als Beelzebub, als Verräter der Traditionen und als Verführer des Volkes. Jesus widerspricht ihnen - und dasselbe sagen wir heute Kardinal Ratzinger:
"Durch eure eigene Überlieferung setzt ihr Gottes Wort außer Kraft" (Mk 7,13); "Warum missachtet ihr Gottes Gebot um eurer Überlieferung willen?" (Mt 15,3).
Was unterschlägt Kardinal Ratzinger?
Theologische Irrtümer, die das Dokument unakzeptabel machen
Besonders schlimm ist, dass Ratzinger zwei der wesentlichsten Punkte nicht erwähnt: Er verkündet nicht die zentrale Bedeutung der Liebe und hat kein Wort für den entscheidenden Rang der Armen. Diese beiden Problemkreise fehlen in Ratzingers Dokument völlig.
Für Jesus und für das gesamte Neue Testament bedeutet die Liebe das wichtigste Gebot (Mt 22,38-39), denn Gott ist die Liebe (1 Joh 4,8.16); nur die Liebe bringt Erlösung (Mt 25,34-47), und zwar die bedingungslose Liebe (Mt 5,44). Davon liest man im Dokument des Kardinals nichts. Es redet nur von geoffenbarten Wahrheiten und von einem theologalen Glauben, der die vollständige Annahme dieser Wahrheiten darstellt. Der Kardinal weiss sehr genau, dass der Glaube allein nicht rettet, denn alle Konzilien sprechen davon, dass nur der Glaube, der von der Liebe durchdrungen ist, rettet (fides caritate informata). Diese Lücke ist höchst beklagenswert und nur verständlich, wenn jemand selbst spirituell unerfahren ist, stur an abstrakten schriftlichen Wahrheiten festhält. Allein dadurch, dass der Text lieblos argumentiert, beweist er bereits, dass er nichts anderes als das eigene System liebt. Fühllos und verständnislos schmäht und zerstört er das Credo anderer. Schlimmer noch:
An keiner Stelle bezieht sich der Text auf die Armen
Für Jesus und das gesamte Neue Testament sind die Armen nicht etwa ein
Thema unter anderen. Die Armen sind der "Ort", von dem aus man das Evangelium
als gute Nachricht der Befreiung entdeckt ("Selig ihr Armen"). Das Verhalten
gegenüber den Armen gilt als entscheidendes Kriterium für Heil oder
Verdammung.
Wenn ich der römisch-katholischen Kirche angehöre, über alle
Mittel zur Erlösung verfüge, mich mit Verstand und Herz dem
hierarchischen System unterwerfe und alle geoffenbarten Wahrheiten annehme,
hätte aber die Liebe nicht, "dann wäre ich nichts"... (1 Kor
15,2).
Wenn wir die Hungernden, die Dürstenden, die Nackten, die Obdachlosen und Gefangenen nicht lieben, dann werden weder ich noch Kardinal Ratzinger die Seligpreisung zu hören bekommen: "Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist" (Mt 25,34), denn "was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan" (Mt 25,45). Die Frage der Armen war für das Erbe Jesu so wesentlich, dass die Jerusalemer Apostel von Paulus, als er vor ihnen seine Lehre rechtfertigte, verlangten, dass er sich um die Armen kümmere (Gal 2,10).
Die theologische Tradition argumentierte stets korrekt: Wo Christus ist, da ist
die Kirche. Christus aber ist bei den Armen. Folglich ist die Kirche (bzw.
sollte sie sein), wo die Armen sind. Und zwar nicht nur bei den guten und
arbeitsamen Armen, sondern ganz einfach bei allen Armen, weil sie arm sind.
Denn ihr Armsein bedeutet, dass ihnen das Leben genommen wird. Deshalb richten
sich die Verheißung und der befreiende Eingriff des Gottes des Lebens
zuerst an sie.
Keine Spur einer solchen Verheißung von Freiheit oder von Mitempfinden
lässt sich im vatikanischen Dokument finden. Auf der Basis der Frage nach
den Armen ließe sich eine offene und fruchtbare ökumenische Bewegung
entwickeln mit allen Kirchen, Religionen, spirituellen Traditionen und Menschen
guten Willens. In der bedingungslosen Liebe und in den Armen stoßen wir
auf die Mitte der Botschaft Jesu - und nicht in dem ideologischen Sammelsurium,
das das Dokument des Kardinals zusammenfügt.
Es gibt eine Form der Gottesleugnung,
die nur Kirchenleute zustandebringen:
von Gott, von seiner Offenbarung und seiner Gnade zu reden, ohne die mindeste
Compassion mit den Armen und Beleidigten zu bezeugen. Sie reden nicht vom Gott
Jesu, der den Schrei der Unterdrückten hört und herabsteigt, um sie
zu befreien (Ex 3,4), sondern von einem kirchenamtlichen Fetisch, den Menschen
in ihrem Machthunger "ersonnen haben" (Nr. 7). Nicht ohne Grund zeigt das
Dokument ein finsteres Bild von Gott.
Aber es gibt noch andere schwerwiegende theologische Mängel, die es aufzudecken gilt: Das Dokument verspottet das Wort vom "wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet" (Joh 1,9) - es erleuchtet eben nicht nur die Getauften oder die römischen Katholiken. Das Dokument lästert den Heiligen Geist, "der weht, wo er will" (Joh 3,8), und zwar nicht nur über jenen, die die Schemata des Kardinals übernehmen. Jesus betont, dass "die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden", also nicht nur in Rom (Jerusalem) oder in Krakau (auf dem Garizim; Joh, 4,21-23), sondern von allen Menschen, die offen sind für die spirituelle, heilige Dimension des Universums, in dem sich das göttliche Geheimnis offenbart. Kulminationspunkt seiner Offenbarung ist die Inkarnation.
Das Dokument verhöhnt die Menschen, wenn es ihnen das Entscheidende der Botschaft Jesu vorenthält: die bedingungslose Liebe und die zentrale Bedeutung der Armen und Unterdrückten. An dessen Stelle serviert es ihnen ein unverdauliches Menü von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten, um Diskriminierung und Ungleich-behandlung zu rechtfertigen, die im Widerspruch zum offenkundigen Willen Jesu entstanden sind.
Jesus verbot, dass jemand sich Meister bzw. Vater nennen lasse oder dass er sich als bedeutsamer oder als der erste gegenüber den anderen betrachte, "denn ihr alle seid Schwestern und Brüder" (Mt 23,6-12). (Papst, lat. Papa, ist die Abkürzung von "pater pauperum" = pa-pa = Vater der Armen). Die römische Hierarchie bedarf dringend der Bekehrung, damit sie ihren Platz im Gesamt des Gottesvolkes und im Dienst an der Glaubensgemeinschaft einnehmen kann.
Das Dokument ist Lichtjahre vom Klima der Heiterkeit und des Wohlwollens entfernt, das die Evangelien und die Taten Jesu kennzeichnet. Das Dokument ist ein Text von Schriftgelehrten und Pharisäern und nicht von Jüngern Jesu. Dem Text fehlen alle menschlichen und göttlichen Tugenden. Er ist mehr dazu gedacht zu verurteilen, zu verdammen und auszuschließen als anzuerkennen, zu verstehen und einzubeziehen, wie es der Regenbogen tut, das Symbol des ersten Bundes, den Gott mit dem Leben und der Menschheit schloss. Ratzinger will nicht die Vielfalt der Farben in dem einen Regenbogen, sondern ausschließlich die imperative Vorherrschaft der schwarzen Farbe, jenes Farbtons der unheilvollen vatikanischen Hierarchie.
Nicht Rom, sondern Genf inspiriert die ökumenische Bewegung
Durch dieses Dokument hat Kardinal Ratzinger der ökumenischen Bewegung in der Perspektive der vatikanischen Hierarchie das Grab geschaufelt. Er kann sich das Verdienst zurechnen, alle Illusionen zunichte gemacht zu haben. Von jetzt an können wir mit der vatikanischen Hierarchie nicht mehr rechnen, wenn wir spirituell und religiös den Frieden für die Menschheit suchen. Im Gegenteil, wegen ihres kapitalistischen Denkens, das die göttliche Wahrheit bei sich selbst konzentriert, und wegen der Arroganz, mit der sie andere behandelt, stellt der Glaube der römischen Hierarchie ein großes Hindernis dar.
Aber die römische Hierarchie umfasst weder die gesamte Kirche, noch die gesamte Hierarchie der Weltkirche. Innerhalb der Hierarchie gibt es Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Priester, die weiterhin den Weg des Evangeliums gehen im gegenseitigen Lernprozess, im offenen Dialog und in wahrhaftiger Suche nach dem Religions-Frieden. Dieser hat seinen Grund in der radikalen Erfahrung des Mysteriums, das sich verhüllt und enthüllt im Lauf der gesamten Geschichte des Universums und der Menschheit und das - jeweils singuläre - Gestalt annimmt in den Religionen und im Christentum. Aber auf diesem Weg werden sie von Rom nicht animiert.
Wenn der Vatikan sein ausschließendes Verhalten weiter fortsetzt, wird der christliche Ökumenismus nicht mehr über Rom, sondern über Genf, dem Sitz des Weltrates der Kirchen, seinen Weg nehmen. Dort trägt man das Erbe Jesu weiter, das offen ist für die Dimensionen des Geistes, der das Angesicht der Erde erneuert und die Herzen der Völker und Menschen bewegt. Weil das Dokument Ratzingers aus einem eisern geschlossenen System hervorgeht, ist es unempfänglich für die Realität, die größer ist als es selbst. Das System handelt wie der Frosch, der in der Tiefe des Brunnens lebt und von den Welten nichts weiss, die jenseits der engen Grenzen seines Brunnens existieren. Ein Dokument, das den Dialog der Weltreligionen fördert, müsste darauf verweisen, wie wichtig und bedeutsam ein solcher Dialog ist angesichts der dramatischen Lage, welche die Erde und die Menschheit durchlebt. Davon ist im Dokument nichts zu lesen. Die Bedeutung des ökumenischen und interreligiösen Dialogs erschöpft sich nicht darin, dem Religions-Frieden die Wege zu bereiten, sondern richtet sich daran aus, Gerechtigkeit und Frieden zwischen den Völkern zu schaffen und die gesamte Schöpfung zu bewahren.
Das Dokument ist taub für das Leiden der Menschen
Wir sind auf dem Weg zu einer einzigen Weltgesellschaft. Diese weltweite Gesellschaft zeigt das Antlitz der Dritten Welt, weil vier Milliarden von insgesamt sechs Milliarden Menschen nach Angaben der Weltbank und des Weltwährungsfonds unterhalb der Armutsgrenze leben. Wer will die Tränen dieser Milliarden Opfer abwischen? Wer hört den Schrei der von den hungernden und ausgeschlossenen Erdvölkern und von der verwundeten Erde aufsteigt?
Das Dokument ist taub für solche Leiden. Wer sich gegenüber dem
Schrei der Unterdrückten taub stellt, kann nicht von Gott reden oder im
Namen Gottes sprechen.
Das von Kardinal Ratzinger präsentierte Christentum darf sich nicht
über die Welt ausbreiten. Es gehört zu den dunkelsten Traditionen des
Okzidents und wird immer mehr zum Akzidenz. Ratzingers Dokument steht am Ende
des zweiten Jahrtausends eines Christentums, das nicht weitergetragen werden
darf,
Im soeben begonnenen neuen Jahrtausend wird ein neuer katholischer Ökumenismus entstehen, wie etwa jener, den wichtige Teile der Hierarchie realisieren, wenn sie sich an der Basis der Kirche und in den katholischen bzw. christlichen Gemeinden zum Dienst und zur Glaubensbestärkung im Sinne des Evangeliums bekehren. Dieser Ökumenismus gründet auf der Spiritualität und Mystik der lebendigen Begegnung mit dem Geist und dem Auferstandenen, steht im Dienst der Ärmsten und Geschlagenen, und sucht Gemeinschaft und Dialog mit anderen spirituellen Traditionen.
Ohne diese heilige Flamme werden wir weder das Leben retten noch eine hoffnungsvolle Zukunft für die Menschheitsfamilie und ihr gemeinsames Haus, die Erde, sichern. Für dieses Vorhaben ist jeder Ökumenismus wünschenswert und alles Zusammenwirken unverzichtbar. Und Rom wird sich eines Tages - post Ratzinger locutum (wenn Ratzinger ausgeredet hat) -dieser messianischen Aufgabe anschließen müssen.
Die Übersetzung verdanken wir Norbert Arntz
Wir haben den Text leicht gekürzt. Red.
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