Johannes Schmitt
"Das heiligste Herz Jesu ... Heil der Menschheit"
Kirche und Katholizismus im 19. Jahrhundert (II) : Zur Geschichte des Herz-Jesu-Kultes
Vor genau 100 Jahren - 1899 - weihte Papst Leo XIII. in der Enzyklika "Annum
sanctum" die ganze Welt dem Herzen Jesu und erklärte dabei, daß
für ihn das Herz Jesu ",ein glückverheißendes göttliches
Zeichen`" in der Gegenwart darstelle, wie es das Kreuz für Kaiser
Konstantin in der Antike gewesen sei. Damit fand in diesem Akt eines
"ultramontanen Triumphalis-mus" eine Devotionsform einen Höhe-punkt, und
der Papst formulierte und betonte Ende des 19. Jahrhunderts
"den globalen theologischen Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche
symbolträchtig" auch dadurch, daß er im Herzen Jesu ",das Vorzeichen
und zugleich die Ursache des baldigen herrlichen Sieges ... das Heil der
Menschheit`" sah (S. 308).
Zugleich aber provozierte die katholische Kirche bis in die Gegenwart gerade in
Bezug auf diesen Kult (abschätzig genannt - "Kardiolatrie") polemische
Kritik und sarkastische Distanz. So beispielsweise in drastischer Weise durch
Günter Grass in seiner "Blechtrommel" in den 50er Jahren, der seine
Hauptfigur Otto Matzerath schildern ließ:
"Er öffnete sich das Gewand über der Brust und zeigte in die Mitte
des Brustkastens, aller Natur zum Trotz, ein tomatenrotes, glorifiziertes und
stilisiert blutendes Herz, damit die Kirche nach diesem Organ benannt werden
konnte ... Dieser blühende, immer zum Weinen bereite Kußmund! Dieser
die Augenbrauen nachzeichnende männliche Schmerz! Volle, durchblutete
Wangen, die gezüchtigt werden sollten".
Und der Verfasser erinnert sich als katholischer Ministrant, daß noch in
den 50er Jahren in saarländischen Dörfern die Kirche mit
Schulkindern, Frauen und Pensionären gefüllt war, wenn der
sogenannte Herz-Jesu-Freitag begangen und gefeiert wurde. Die Gläubigen
vertrauten so der "Großen Verheißung" der eigentlichen
Kultbegründerin, der französischen Nonne aus dem 17. Jahrhundert,
Margareta Maria Alacoque, die angekündigt und versprochen hatte, daß
Christus durch ",seine allvermögende Liebe die Gnade eines
bußfertigen Endes allen jenen verleihen werde, welche neun Monate
nacheinander am ersten Freitage (eines Monates, J. S.) kommu-nizieren`" (S.
184). Sie würden - so die Heils- und Kulterwartung der gläubigen
Katholiken - nicht in ",Ungnade und nicht ohne Empfang ihrer Sakramente
sterben`"
(S. 285).
Diesem in der neueren katholischen Frömmigkeitsgeschichte zentralen Kult
der Herz-Jesu-Verehrung widmet Norbert Busch seine ausgezeichnete und
fundierte Bielefelder Dissertation:
Katholische Frömmigkeit und Moderne. Die Sozial- und
Mentalitätsgeschichte des Herz-Jesu-Kultes in Deutschland zwischen
Kulturkampf und Erstem Weltkrieg (Religiöse Kulturen der Moderne, Bd. 6),
Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997.
Religionsgeschichte von "unten" und von "innen"
Methodisch läßt Norbert Busch eine an "heilsgeschichtlichen
Prämissen" orientierte Kirchen- und Religionsgeschichte als Deutung der
",Wirksamkeit des Heiligen Geistes auf Erden`" (S. 13) ganz hinter sich und
öffnet sich weit der neueren Sozial- und Gesellschafts-geschichte,
für die Religion nach einem Diktum Otto Brunners als "ein
sozial-geschichtlicher Faktor ersten Ranges" gilt, die im Rahmen der Kultur
neben Herr-schaft und Wirtschaft zunehmend eine dritte gleichberechtigte und
gleichrangige Dimension darstellt. Der Autor nutzt daneben für seine
Fragestellung neuere mentalitäts-, kultur- und alltagsgeschichtliche
Aspekte und Methoden, um "Rituale und Bräuche, Symbole und
Glaubensvorstellungen, Wertorientierung und Weltbilder adäquat zu
interpretieren" (S. 16). Indem er der historischen Entwicklung des
Herz-Jesu-Kultes, den Trägergruppen und Motiven der Träger
nachspürt und den Schwerpunkt der Untersuchung in das spätere 19.
Jahrhundert setzt, will er zugleich einen Beitrag leisten, "um grund-legende
Herrschaftsmechanismen, Mentalitätsmuster und Alltagserfahrungen von
katholischer Kirche und Katholiken im Kaiserreich zu erforschen", auch
heraus-zufinden, wie Katholiken auf die "Herausforderungen der Moderne"
reagierten (S. 14). Dabei gewinnt der Herz-Jesu-Kult wegen seiner eindeutigen
"Popularität" und seiner "Repräsentativität" eine besondere
Rolle und Signifikanz (S. 27), zumal zur Milieustabilisierung und bei der
"Durchsetzung des Ultramontanisus" (S. 25).
Die insbesondere wegen der neuen mentalitäts- und alltagsgeschichtlichen
Aspekte bahnbrechende Studie ist in vier große Kapitel gegliedert: Das
erste Kapitel zeichnet die "Historie und Historiographie des Herz-Jesu-Kultes"
von seinen Ursprüngen im 17. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
nach (S. 31 ff.).
Das zweite Kapitel ist der "Entwicklung und Bedeutung des Herz-Jesu-Kultes im
19. Jahrhundert" gewidmet, wobei seine besondere Funktion bei der
"religiöse(n) Krisenbewältigung zwischen Kulturkampf und Erstem
Weltkrieg" herausgestellt wird. Nach der Zeichnung und Schilderung des
Herz-Mariä-Kultes als Vorläufer des Herz-Jesu-Kultes werden als
Haupt- und Schwerpunkt im 4. Kapitel die "Träger des Herz-Jesu-Kultes,
Verbreitungsmethoden, Frömmigkeitspraxis, Motive und Mentalitäten"
ausführlich erörtert und dargestellt.
Die Visionen der Margareta Maria Alacoque
Der Ursprung der Herz-Jesu-Verehrung geht auf Salesianernonne Margareta Maria
Alacoque zurück, die in dem französischen Kloster Paray-Le-Monial
lebte und deren den Kult begründenden Visionen zwischen 1673 und 1675 um
den Sühnegedanken, den häufige Kommunionempfang und ein
Herz-Jesu-Fest kreisten. Schon sehr früh wurde der sich daraus formierende
Herz-Jesu-Kult von den Jesuiten aufgegriffen, profiliert und für ihre
Auseinandersetzung mit dem Jansenismus instrumentalisiert, da sie in dem neuen,
primär anthro-pozentrisch orientierten Kult die Möglichkeit
verwirklichen konnten, die katholische Religion - gleichsam barock gewendet -
"mit der neuen bürgerlichen Gottesvorstellung und Lebensführung
zusammenzubringen" (S. 310).
Aber die nur zögerliche Unterstützung des Kultes durch das Papsttum
und das geringe Entgegenkommen des Episkopats trugen mit dazu bei, daß
der Herz-Jesu-Kult im
18. Jahrhundert noch keine Massenbasis fand, zumal die katholische
Aufklärung diese Form einer emotional orientierten Barockfrömmigkeit
ablehnte und die Jesuiten schließlich als Kultpropagan-disten nach der
Auflösung ihres Ordens (1773) ausfielen.
Päpste und Bischöfe als Impulsgeber
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - nun unter dem Signet von
Gegenaufklärung, Romantik und Restauration - orientierte sich die
populäre Frömmigkeit, kirchlicherseits massiv gefördert und
unterstützt, zunächst an der Marienverehrung, auch an der Verehrung
des Herzens Mariä. Und bis in die 50er Jahre blieb die Herz-Jesu-Verehrung
eher eine Randerscheinung, bis Pius IX. 1856
"mit der Ausdehnung des Herz-Jesu-Festes auf die gesamte Kirche eine
augenfällige liturgische Rangerhöhung" vornahm
(S. 65) und nun auch die Herz-Mariä-Bruderschaften Vorreiter und
"Wegbereiter für die Herz-Jesu-Idee" wurden (S. 311).
Die Seligsprechung Margareta Maria Alacoques (1864) brachte einen weiteren
Schub, zumal nun die Jesuiten dem Herz-Jesu-Kult in Deutschland während
des Kulturkampfes zum "Durchbruch" verhalfen und ihm nun erst eine Massenbasis
schufen und so bis zum Ersten Weltkrieg einen regelrechten
"Herz-Jesu-Boom" auslösten (S. 72 f.). Päpste - Pius IX. und sein
Nachfolger
Leo XIII. - und Bischöfe - in Deutschland vor allem Ketteler (Mainz) und
Martin (Paderborn) - fungierten dabei als "Impuls-geber" einer "ultramontanen
Frömmig-keitserneuerung" (S. 132 ff.). Denn Päpste gewährten dem
Herz-Jesu-Kult zahlreiche Ablässe und öffneten ihm so ",alle
Schleusen der Gnade`" (S. 136).
Bischöfe riefen in Pastoralschreiben zu Gebetsapostolaten und zum Beitritt
zu Herz-Jesu-Vereinigungen auf und orientierten in den Priesterseminaren die
Pfarranwärter auf diese Devotionsform.
Welchen Stellenwert und welche Stoßrichtung Pius IX. dem neuen
Herz-Jesu-Kult zumaß, wird deutlich, wenn er die mit dem Syllabus
errorum, der Verdammung der Moderne, versehene Enzyklika "Quanta cura" mit dem
Appell enden ließ, ",das süßeste Herz-Jesu, dieses Opfer der
brennendsten Liebe gegen uns, inständig und immerfort anzuflehen`" (S.
133). Der Herz-Jesu-Kult wurde so auch ein fundamentales Moment in der
"sukzessiven Zentra-lisierung und Bürokratisierung der kirchlichen
Organisationsstrukturen", bei der "Charismatisierung des Papsttums" und bei der
"Sakralisierung des ultramontanen Kirchensystems" (S. 137).
Jesuiten als Initiatoren
Die entscheidenden und wesentlichen "Initiatoren und Organisatoren des
Herz-Jesu-Kultes" waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts indes
die Jesuiten (S. 143). Sie sahen in diesem Kult ein wichtiges Instrument, um
diese Frömmig-keitsform innerkirchlich für die religiöse
Restauration im Sinne des Papsttums zu forcieren: Jesuiten wirkten als
Literatur-produzenten: Zwei Drittel aller Herz-Jesu-Schriften wurden von ihnen
verfaßt und dienten damit der Popularisierung des Kultes, und dadurch
besaß dieser "jesuitische Aszese-Journalismus" eine enorme Breitenwirkung
(S. 147).
Jesuiten warben für den Kult im Rahmen ihrer Volksmissionen und erreichten
mit diesen religiösen "Crash-Kursen" weite Teile der katholischen
Bevölkerung
(S. 150). Jesuiten wirkten zudem als "Erzieher des Klerus" in ihren
Bildungsstätten (S. 162):
Vor allem in dem Nikolai-Haus in Innsbruck und dem Jesuiten-Gymnasium in
Feldkirch wurden Pfarranwärter und Studenten zu Multiplikatoren des Kultes
erzogen. Jesuiten gaben dem Kult schließlich "die volkstümliche
Zurichtung", indem sie schwerpunktmäßig in der "Popularität das
Leitprinzip ihrer Pastoraltechnik" sahen (S. 176 ff.).
Sie scheuten - auch gegen kritische Stimmen - nicht davor zurück, den
"Primat des leiblichen Herzens" zu betonen und hervorzuheben (S. 176), um so
"das leibliche Herz als Kultobjekt" zu favorisie-ren und damit durch diese
"materialistische Position" "den vermeintlichen Bedürfnissen der breiten
Bevölkerungsschichten entgegenzukommen" (S. 178 f.). Zur Einrichtung von
Gebetsapostolaten bedienten sie sich der modernen Presse und schufen in dem
"Sendboten des Göttlichen Herzen Jesu" ein religiöses Massenblatt,
das Ende des 19.Jahrhun-derts die meistgelesene katholische Zeitschrift war.
Ein anderes, - gewisser-maßen - magisches Instrument stellte die eingangs
erwähnte "Große Verheißung" dar, die 1903 in 400.000
Exemplaren verbreitet wurde (S. 185).
Gemeindepriester als Kultorganisatoren
Obwohl der Herz-Jesu-Kult vom Papsttum und vielen Lokalbischöfen
favorisiert und vom Jesuitenorden propagiert wurde, spielten die
Ortsgeistlichen keineswegs nur eine Statistenrolle, sondern viele wirkten
überzeugt und eigeninitiativ als "Kultorganisatoren" (S. 201). Sie
bildeten gewissermaßen "das organisatorische Rückgrat" für das
Gebetsapostolat, die bedeutendste Organisationsform der
Herz-Jesu-Frömmigkeit, und sorgten für dessen "möglichst
flächendeckende Verbreitung" (S. 202 f.). Diözesanpriester bildeten
eigens einen Priesterverein, der dem Herzen Jesu geweiht war, die "Associatio
perseverantiae sacerdotalis". 1915 waren in Deutschland 10.000 Mitglieder in
dieser Herz-Jesu-Kultorganisation erfaßt. Dabei kam gerade der
Herz-Jesu-Kult der zunehmenden "Sakralisierung und Klerikalisierung des
Priesterideals" im 19. Jahrhundert entgegen (S. 217), da die "Mentalität
der Hingabe" den theologischen und sozial-moralischen Implikationen der
Herz-Jesu-Frömmigkeit entsprach, oder wie ein Lied es ausdrückte:
",Ein Priester Herz ist Jesu Herz! Das Opferlamm für unsere Sünden`"
(S. 221). Allerdings gab es gerade auch in Priesterkreisen gegen Ende des 19.
Jahr-hunderts zunehmend kritische Stimmen, da der expressiv-emotionale
Herz-Jesu-Kult die gesellschaftliche Integration der Katholiken behindere,
neue Barrieren aufzu-bauen und "alte Vorbehalte gegen den Katholizismus als
wundersüchtig-aber-gläubischer Variante christlicher Religion" zu
nähren und zu bestätigen schien (S. 239).
Adressaten und Angebote des Herz-Jesu-Kultes
Das wohl spannendste und aufregendste, weitgehend Neuland beschreitende Kapitel
befaßt sich mit den Kultadressaten dieses Kultangebotes (S. 240 ff.),
also mit der Frage nach "Möglichkeiten und Orten populärer
Herz-Jesu-Verehrung" (S. 240). Dabei waren vor allem "religiöse
Vergesellschaftungen" "das institutionelle Rückgrat des kollektiven
Herz-Jesu-Kultes" (S. 240), voran die Bruderschaften, der "Standardtyp einer
Devotionsorganisation" (S. 241),
der allerdings in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts, der Boomzeit des Herz-Jesu-Kultes, zunehmend unbedeutender
wurde. Ihm gegenüber verzeichnete das Gebetsapostolat "einen großen
Mobili-sierungserfolg" (S. 244). Es privatisierte gewissermaßen den Kult,
das Gebetsapostolat war durch "das Bewußtsein gemeinsamer
Gebetsanliegen" und eine "identische Frömmigkeitspraxis" geprägt (S.
244). Die im Gebetsapostolat verbun-denen Mitglieder erhielten den monat-lichen
"Sendboten des Göttlichen Herzen Jesu", der nach Norbert Busch ein "gutes
Beispiel für den kalkulierten Einsatz moderner Mittel für
Frömmigkeitssteuerung" darstellte. Das Gebetsapostolat fand seine
Attraktivität auch dadurch, daß es seinen Mitgliedern Raum für
private, wenn auch ferngesteuerte und weitgehend identische Frömmigkeit
und eine "individuelle Heilsversicherung" bot (S. 249).
Das Gebetsapostolat wirkte zugleich individualisierend, aber auch
milieu-stabilisierend: Es strebte an, ",alle wahrhaft katholischen Herzen`" zu
bewegen, ",sich fester untereinander zu verbinden und ihre Reihen enger zu
schließen`"
(S. 249). Die "Ehrenwache des göttlichen Herzens Jesu" war ein besonderes
"Devo-tionskonzept" mit einem exklusiven Selbstverständnis, da sich ihre
Mitglieder ",als Leibgarde des göttlichen Herzens Jesu`" verstanden und
sich in einer individuell ausgesuchten Stunde verpflich-teten, ",im Geiste vor
dem Tabernakel`" sich einzufinden und dem Herzen Jesu ",alle Gedanken, Worte,
Werke und Leiden zu opfern`" (S. 251). Zu einer Massenbewe-gung weitete sich
schließlich das 1910 gegründete "Männerapostolat". Im Jahre
1933 waren 800.000 Männer beigetreten.
Die Monatszeitschrift erschien 1913 in einer Auflagenhöhe von 200.000. Das
Ziel dieser Bewegung war "eine umfassende Mobilisierung der katholischen
Männer", die Weckung der Bereitschaft zu ",mannhaftem Eintreten für
die Sache Christi`".
Sie sollten bereit sein, ",ihre täglichen Gebete, Arbeiten und Leiden dem
göttlichen Herzen zu weihen`" und eifrig an der monatlichen
Männerkommunion am Herz-Jesu-Sonntag teilzunehmen (S. 254).
Das Männerapostolat, und dies erscheint als eine wichtige Funktion, sollte
das "religiöse Fundament des katholischen Sozialmilieus" stärken (S.
255), männ-liches Standesbewußtsein revitalisieren und so
zunehmenden Kirchenaustritten und Säkularisierungstendenzen vorbeugen.
Eine Fülle von Devotionalien: erbauliche Traktate, Aszesezeitschriften,
Kalender, religiöse Bilder, vor allem Massendrucke, und Skapuliere standen
den Gläubigen bei der Kultausübung zur Verfügung. Durch
Massenherstellung bekamen die Andachts-gegenstände allerdings auch
"Massenniveau", was nicht selten auch klerikale Kritik provozierte, auch die
Sorge, "daß der Gebrauch der Devotionalien der geistlichen Kontrolle
weitgehend entzogen war" (S. 266).
Das Herz-Jesu-Fest, 1856 von Pius IX. im liturgischen Kalender auf den Freitag
nach der Fronleichnams-Oktav installiert, 1889 zum Fest "1. Klasse" erhoben,
war "Kern-stück der kirchlichen Herz-Jesu-Andacht" und vermittelte eine
feste Milieuanbindung und Möglichkeiten "einer alle Sinne erfassenden
Kultinszenierung" (S. 266 f.).
1873 hatte Pius IX. zudem den Juni zum offiziellen Herz-Jesu-Monat ausgerufen.
In vielen Gemeinden fanden wöchentliche Sonderandachten statt.
Schließlich muß der Herz-Jesu-Freitag erwähnt werden, auf der
"Großen Verheißung", einem mechanistischen Heilsversprechen
basierend.
"Zu einer schichtenübergreifenden Mobilisierung der Bevölkerung"
führten auch die "Herz-Jesu-Weihen", von Bischöfen und Päpsten
inszeniert, von den deutschen Bischöfen vor allem in den Zeiten des
Kulturkampfes und im Ersten Weltkrieg, um nach außen die Geschlossenheit
des Katholizismus, "religiöse Superiorität", aber auch "politische
Zuverlässigkeit" zu demonstrieren (S. 268 f.).
Herz-Jesu-Kult - Frauenkult
Die Herz-Jesu-Frömmigkeit mit ihren vielfältigen Möglichkeiten
privater und kollektiver Kultpraxis war eindeutig ein "Frauenkult" (S. 269). In
der Mitgliederstruktur der Herz-Jesu-Organisationen waren Frauen mit bis zu
80% deutlich überrepräsentiert, und dieser weiblichen Dominanz
entsprach "eine männliche Distanz" (S. 270). Der Trend zu einer
verstärkten Feminisierung des Kultes versteht sich im 19. Jahrhundert wohl
im Zusammenhang mit der Säkularisierung im Zuge des ökonomischen und
sozialen Modernisierungsprozesses, bei dem zunehmend Männer der
industriellen Unterschichten der Religion entfremdet wurden und wo - im Sinne
einer religiösen Arbeitsteilung, auch einer "gottgewollten"
Rollenverteilung - die Frau im Rahmen von Haushalt und Kindererziehung für
die Religion zuständig schien (S. 272 f.).
Auch mag die Herz-Symbolik und die "Sühnerethorik des Kultes" auf ein
"weibliches Geschlechtsprofil" zugeschnitten gewesen sein und eine
"Opfermentalität" verlangt haben, "wie sie die Frauen durch ihre soziale
Rolle ohnehin internalisiert hatten" (S. 274).
Um "die männliche Kultakzeptanz" zu steigern, versuchten die Jesuiten,
eine "Vermännlichung des Kultes" (S. 276), zumal dieser, auf die
Offenbarungen Alacoqus zurückgehend, wegen seines ",allzu weichen,
überschwenglichen oder süßen Tons ... den Männern zuwider
sei`". Jesuiten propagierten Ende des 19. Jahrhunderts demzufolge ein neues,
männlich zugeschnittenes Jesus-Bild:
",ein Mann von der Fußsohle bis zum Scheitel ... ein Mannesherz voll
solider männlicher Tugend`", also eine "Maskulinisierung der
Herz-Jesu-Devotion" (S. 277). Hier deutete sich nun nicht nur ein pastoraler
Paradigmenwechsel, sondern darüberhinaus, allerdings mit nur mangel-haftem
Erfolg, im Ersten Weltkrieg eine Tendenz an, den Herz-Jesu-Kult zum deutschen
"National- und Siegeskult zu inthronisieren", der auch männlichen
Katholiken entgegenkam (S. 278).
Herz-Jesu-Kult - Kult der Vielen
Der Herz-Jesu-Kult fand seine Basis im einfachen Volk, vor allem auf dem Land.
Er war in seiner sozialen Reichweite eine "Religiosität der Vielen",
insbesondere der ländlichen Bevölkerung (S. 280). Nur geringes
Kultinteresse war in der katholischen Arbeiterschaft zu finden. Einen
großen Anhang weist Norbert Busch für den Adel nach, in dessen
religiöser Erziehung der Herz-Jesu-Kult dominierte. Das Bürgertum
allerdings war in der Kultpraxis deutlich unterrepräsentiert, da viele
katho-lische Bürger diese expressive und popu-äre Religiosität
weniger praktizierten und zudem dessen ultramontane Ausrichtung ihren eher
liberalen Religionsvorstellungen nicht entsprach.
Herz-Jesu-Kult - devotionale Verdichtung des Ultramontanismus
Der Herz-Jesu-Kult leistete somit als "religiöser Kitt" einen wesentlichen
Beitrag zu Milieubildung und -festigung (S. 316): Er stellte - und das ist der
zentrale Erkenntnisgewinn der Studie von Norbert Busch - eine "devotionale
Verdichtung ultramontaner Mentalität" dar (S. 303), -da die für den
Katholizismus des 19. Jahr-hunderts zentralen drei Verhaltensdispositionen in
der Herz-Jesu-Metaphorik und Herz-Jesu-Rethorik repräsentiert erschei-nen:
"Depressivität", "Defensivität" und "Antimodernität". Das
leidende Herz Jesu zeigte "wie bedrohlich, ja feindlich sich die
gesellschaftlichen Verhältnisse aus katholischer Perspektive darstellten"
und bezeugte damit eine "depressive Wahrnehmung von Wirklichkeit" (S. 304).
Das Herz Jesu war aber auch als "Arche", "Burg", "Hafen" "Ausdruck einer
Defensivmenta-lität", es vermittelte den "Gläubigen Rückzug in
eine hermetische Glaubenswelt", gesellschaftlich in ihr "Sozialmilieu"
(S.305). Der Herz-Jesu-Kult mit seiner antimodernen Ausrichtung
schließlich schloß die Verurteilung und Verdammung
"sämtliche(r) Wert und Zielvorstellungen der Moderne" ein, war gegen
Aufklärung und Revolution, gegen Wissenschaft und Rationalismus gerichtet
(S. 306). In der religiösen Praxis manifestierte sich dieser Protest in
"einem intensiven Wunderglauben" (S. 307).
"Depressivität, Defensivität bzw. Demonstrativität und
Antimodernität" prägten mithin maßgeblich das Lebensgefühl
der katholischen Bevölkerungsminderheit im Kaiserreich" (S. 307). Diese
"drei zentralen mentalen Grundbefindlichkeiten konzentrierten sich auch im
Herz-Jesu-Kult bis zum Ende des Ersten Weltkrieges"
(S. 307). Seine weitere Entwicklung bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg
zu verfolgen wäre eine spannende, aber neue Geschichte.
Mit diesem Beitrag wird eine Artikelserie zum Katholizismus im 19. Jahrhundert fortgesetzt.
Im einzelnen sind noch weitere Beiträge zu den Marienerscheinungen im
saarländischen Marpingen und zum Kulturkampf vorgesehen. Der vorstehende Beitrag stützt sich auf:
- Norbert Busch, Katholische Frömmigkeit und Moderne. Die Sozial- und
Mentalitätsgeschichte des Herz-Jesu-Kultes in Deutschland zwischen
Kulturkampf und Erstem Weltkrieg (Religiöse Kulturen der Moderne 6), Chr.
Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997;
- Norbert Busch, Frömmigkeit als Faktor des katholischen Milieus. Der
Kult zum Herzen Jesu, in: Olaf Blaschke/Frank-Michael Kuhlemann (Hg.), Religion
im Kaiserreich. Milieus - Mentalitäten - Krisen (Religiöse Kulturen
der Moderne 2), Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1996,
S. 136 ff.
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