Johannes Schmitt

"Das heiligste Herz Jesu ... Heil der Menschheit"

Kirche und Katholizismus im 19. Jahrhundert (II) : Zur Geschichte des Herz-Jesu-Kultes


Vor genau 100 Jahren - 1899 - weihte Papst Leo XIII. in der Enzyklika "Annum sanctum" die ganze Welt dem Herzen Jesu und erklärte dabei, daß für ihn das Herz Jesu ",ein glückverheißendes göttliches Zeichen`" in der Gegenwart darstelle, wie es das Kreuz für Kaiser Konstantin in der Antike gewesen sei. Damit fand in diesem Akt eines "ultramontanen Triumphalis-mus" eine Devotionsform einen Höhe-punkt, und der Papst formulierte und betonte Ende des 19. Jahrhunderts "den globalen theologischen Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche symbolträchtig" auch dadurch, daß er im Herzen Jesu ",das Vorzeichen und zugleich die Ursache des baldigen herrlichen Sieges ... das Heil der Menschheit`" sah (S. 308). Zugleich aber provozierte die katholische Kirche bis in die Gegenwart gerade in Bezug auf diesen Kult (abschätzig genannt - "Kardiolatrie") polemische Kritik und sarkastische Distanz. So beispielsweise in drastischer Weise durch Günter Grass in seiner "Blechtrommel" in den 50er Jahren, der seine Hauptfigur Otto Matzerath schildern ließ:

"Er öffnete sich das Gewand über der Brust und zeigte in die Mitte des Brustkastens, aller Natur zum Trotz, ein tomatenrotes, glorifiziertes und stilisiert blutendes Herz, damit die Kirche nach diesem Organ benannt werden konnte ... Dieser blühende, immer zum Weinen bereite Kußmund! Dieser die Augenbrauen nachzeichnende männliche Schmerz! Volle, durchblutete Wangen, die gezüchtigt werden sollten".

Und der Verfasser erinnert sich als katholischer Ministrant, daß noch in den 50er Jahren in saarländischen Dörfern die Kirche mit Schulkindern, Frauen und Pensionären gefüllt war, wenn der sogenannte Herz-Jesu-Freitag begangen und gefeiert wurde. Die Gläubigen vertrauten so der "Großen Verheißung" der eigentlichen Kultbegründerin, der französischen Nonne aus dem 17. Jahrhundert, Margareta Maria Alacoque, die angekündigt und versprochen hatte, daß Christus durch ",seine allvermögende Liebe die Gnade eines bußfertigen Endes allen jenen verleihen werde, welche neun Monate nacheinander am ersten Freitage (eines Monates, J. S.) kommu-nizieren`" (S. 184). Sie würden - so die Heils- und Kulterwartung der gläubigen Katholiken - nicht in ",Ungnade und nicht ohne Empfang ihrer Sakramente sterben`" (S. 285).

Diesem in der neueren katholischen Frömmigkeitsgeschichte zentralen Kult der Herz-Jesu-Verehrung widmet Norbert Busch seine ausgezeichnete und fundierte Bielefelder Dissertation:

Katholische Frömmigkeit und Moderne. Die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Herz-Jesu-Kultes in Deutschland zwischen Kulturkampf und Erstem Weltkrieg (Religiöse Kulturen der Moderne, Bd. 6), Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997.

Religionsgeschichte von "unten" und von "innen"

Methodisch läßt Norbert Busch eine an "heilsgeschichtlichen Prämissen" orientierte Kirchen- und Religionsgeschichte als Deutung der ",Wirksamkeit des Heiligen Geistes auf Erden`" (S. 13) ganz hinter sich und öffnet sich weit der neueren Sozial- und Gesellschafts-geschichte, für die Religion nach einem Diktum Otto Brunners als "ein sozial-geschichtlicher Faktor ersten Ranges" gilt, die im Rahmen der Kultur neben Herr-schaft und Wirtschaft zunehmend eine dritte gleichberechtigte und gleichrangige Dimension darstellt. Der Autor nutzt daneben für seine Fragestellung neuere mentalitäts-, kultur- und alltagsgeschichtliche Aspekte und Methoden, um "Rituale und Bräuche, Symbole und Glaubensvorstellungen, Wertorientierung und Weltbilder adäquat zu interpretieren" (S. 16). Indem er der historischen Entwicklung des Herz-Jesu-Kultes, den Trägergruppen und Motiven der Träger nachspürt und den Schwerpunkt der Untersuchung in das spätere 19. Jahrhundert setzt, will er zugleich einen Beitrag leisten, "um grund-legende Herrschaftsmechanismen, Mentalitätsmuster und Alltagserfahrungen von katholischer Kirche und Katholiken im Kaiserreich zu erforschen", auch heraus-zufinden, wie Katholiken auf die "Herausforderungen der Moderne" reagierten (S. 14). Dabei gewinnt der Herz-Jesu-Kult wegen seiner eindeutigen "Popularität" und seiner "Repräsentativität" eine besondere Rolle und Signifikanz (S. 27), zumal zur Milieustabilisierung und bei der "Durchsetzung des Ultramontanisus" (S. 25).

Die insbesondere wegen der neuen mentalitäts- und alltagsgeschichtlichen Aspekte bahnbrechende Studie ist in vier große Kapitel gegliedert: Das erste Kapitel zeichnet die "Historie und Historiographie des Herz-Jesu-Kultes" von seinen Ursprüngen im 17. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nach (S. 31 ff.).

Das zweite Kapitel ist der "Entwicklung und Bedeutung des Herz-Jesu-Kultes im 19. Jahrhundert" gewidmet, wobei seine besondere Funktion bei der "religiöse(n) Krisenbewältigung zwischen Kulturkampf und Erstem Weltkrieg" herausgestellt wird. Nach der Zeichnung und Schilderung des Herz-Mariä-Kultes als Vorläufer des Herz-Jesu-Kultes werden als Haupt- und Schwerpunkt im 4. Kapitel die "Träger des Herz-Jesu-Kultes, Verbreitungsmethoden, Frömmigkeitspraxis, Motive und Mentalitäten" ausführlich erörtert und dargestellt.

Die Visionen der Margareta Maria Alacoque

Der Ursprung der Herz-Jesu-Verehrung geht auf Salesianernonne Margareta Maria Alacoque zurück, die in dem französischen Kloster Paray-Le-Monial lebte und deren den Kult begründenden Visionen zwischen 1673 und 1675 um den Sühnegedanken, den häufige Kommunionempfang und ein Herz-Jesu-Fest kreisten. Schon sehr früh wurde der sich daraus formierende Herz-Jesu-Kult von den Jesuiten aufgegriffen, profiliert und für ihre Auseinandersetzung mit dem Jansenismus instrumentalisiert, da sie in dem neuen, primär anthro-pozentrisch orientierten Kult die Möglichkeit verwirklichen konnten, die katholische Religion - gleichsam barock gewendet - "mit der neuen bürgerlichen Gottesvorstellung und Lebensführung zusammenzubringen" (S. 310).
Aber die nur zögerliche Unterstützung des Kultes durch das Papsttum und das geringe Entgegenkommen des Episkopats trugen mit dazu bei, daß der Herz-Jesu-Kult im 18. Jahrhundert noch keine Massenbasis fand, zumal die katholische Aufklärung diese Form einer emotional orientierten Barockfrömmigkeit ablehnte und die Jesuiten schließlich als Kultpropagan-disten nach der Auflösung ihres Ordens (1773) ausfielen.

Päpste und Bischöfe als Impulsgeber

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - nun unter dem Signet von Gegenaufklärung, Romantik und Restauration - orientierte sich die populäre Frömmigkeit, kirchlicherseits massiv gefördert und unterstützt, zunächst an der Marienverehrung, auch an der Verehrung des Herzens Mariä. Und bis in die 50er Jahre blieb die Herz-Jesu-Verehrung eher eine Randerscheinung, bis Pius IX. 1856 "mit der Ausdehnung des Herz-Jesu-Festes auf die gesamte Kirche eine augenfällige liturgische Rangerhöhung" vornahm (S. 65) und nun auch die Herz-Mariä-Bruderschaften Vorreiter und "Wegbereiter für die Herz-Jesu-Idee" wurden (S. 311). Die Seligsprechung Margareta Maria Alacoques (1864) brachte einen weiteren Schub, zumal nun die Jesuiten dem Herz-Jesu-Kult in Deutschland während des Kulturkampfes zum "Durchbruch" verhalfen und ihm nun erst eine Massenbasis schufen und so bis zum Ersten Weltkrieg einen regelrechten "Herz-Jesu-Boom" auslösten (S. 72 f.). Päpste - Pius IX. und sein Nachfolger Leo XIII. - und Bischöfe - in Deutschland vor allem Ketteler (Mainz) und Martin (Paderborn) - fungierten dabei als "Impuls-geber" einer "ultramontanen Frömmig-keitserneuerung" (S. 132 ff.). Denn Päpste gewährten dem Herz-Jesu-Kult zahlreiche Ablässe und öffneten ihm so ",alle Schleusen der Gnade`" (S. 136). Bischöfe riefen in Pastoralschreiben zu Gebetsapostolaten und zum Beitritt zu Herz-Jesu-Vereinigungen auf und orientierten in den Priesterseminaren die Pfarranwärter auf diese Devotionsform.

Welchen Stellenwert und welche Stoßrichtung Pius IX. dem neuen Herz-Jesu-Kult zumaß, wird deutlich, wenn er die mit dem Syllabus errorum, der Verdammung der Moderne, versehene Enzyklika "Quanta cura" mit dem Appell enden ließ, ",das süßeste Herz-Jesu, dieses Opfer der brennendsten Liebe gegen uns, inständig und immerfort anzuflehen`" (S. 133). Der Herz-Jesu-Kult wurde so auch ein fundamentales Moment in der "sukzessiven Zentra-lisierung und Bürokratisierung der kirchlichen Organisationsstrukturen", bei der "Charismatisierung des Papsttums" und bei der "Sakralisierung des ultramontanen Kirchensystems" (S. 137).

Jesuiten als Initiatoren

Die entscheidenden und wesentlichen "Initiatoren und Organisatoren des Herz-Jesu-Kultes" waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts indes die Jesuiten (S. 143). Sie sahen in diesem Kult ein wichtiges Instrument, um diese Frömmig-keitsform innerkirchlich für die religiöse Restauration im Sinne des Papsttums zu forcieren: Jesuiten wirkten als Literatur-produzenten: Zwei Drittel aller Herz-Jesu-Schriften wurden von ihnen verfaßt und dienten damit der Popularisierung des Kultes, und dadurch besaß dieser "jesuitische Aszese-Journalismus" eine enorme Breitenwirkung (S. 147). Jesuiten warben für den Kult im Rahmen ihrer Volksmissionen und erreichten mit diesen religiösen "Crash-Kursen" weite Teile der katholischen Bevölkerung (S. 150). Jesuiten wirkten zudem als "Erzieher des Klerus" in ihren Bildungsstätten (S. 162): Vor allem in dem Nikolai-Haus in Innsbruck und dem Jesuiten-Gymnasium in Feldkirch wurden Pfarranwärter und Studenten zu Multiplikatoren des Kultes erzogen. Jesuiten gaben dem Kult schließlich "die volkstümliche Zurichtung", indem sie schwerpunktmäßig in der "Popularität das Leitprinzip ihrer Pastoraltechnik" sahen (S. 176 ff.). Sie scheuten - auch gegen kritische Stimmen - nicht davor zurück, den "Primat des leiblichen Herzens" zu betonen und hervorzuheben (S. 176), um so "das leibliche Herz als Kultobjekt" zu favorisie-ren und damit durch diese "materialistische Position" "den vermeintlichen Bedürfnissen der breiten Bevölkerungsschichten entgegenzukommen" (S. 178 f.). Zur Einrichtung von Gebetsapostolaten bedienten sie sich der modernen Presse und schufen in dem "Sendboten des Göttlichen Herzen Jesu" ein religiöses Massenblatt, das Ende des 19.Jahrhun-derts die meistgelesene katholische Zeitschrift war. Ein anderes, - gewisser-maßen - magisches Instrument stellte die eingangs erwähnte "Große Verheißung" dar, die 1903 in 400.000 Exemplaren verbreitet wurde (S. 185).

Gemeindepriester als Kultorganisatoren

Obwohl der Herz-Jesu-Kult vom Papsttum und vielen Lokalbischöfen favorisiert und vom Jesuitenorden propagiert wurde, spielten die Ortsgeistlichen keineswegs nur eine Statistenrolle, sondern viele wirkten überzeugt und eigeninitiativ als "Kultorganisatoren" (S. 201). Sie bildeten gewissermaßen "das organisatorische Rückgrat" für das Gebetsapostolat, die bedeutendste Organisationsform der Herz-Jesu-Frömmigkeit, und sorgten für dessen "möglichst flächendeckende Verbreitung" (S. 202 f.). Diözesanpriester bildeten eigens einen Priesterverein, der dem Herzen Jesu geweiht war, die "Associatio perseverantiae sacerdotalis". 1915 waren in Deutschland 10.000 Mitglieder in dieser Herz-Jesu-Kultorganisation erfaßt. Dabei kam gerade der Herz-Jesu-Kult der zunehmenden "Sakralisierung und Klerikalisierung des Priesterideals" im 19. Jahrhundert entgegen (S. 217), da die "Mentalität der Hingabe" den theologischen und sozial-moralischen Implikationen der Herz-Jesu-Frömmigkeit entsprach, oder wie ein Lied es ausdrückte: ",Ein Priester Herz ist Jesu Herz! Das Opferlamm für unsere Sünden`" (S. 221). Allerdings gab es gerade auch in Priesterkreisen gegen Ende des 19. Jahr-hunderts zunehmend kritische Stimmen, da der expressiv-emotionale Herz-Jesu-Kult die gesellschaftliche Integration der Katholiken behindere, neue Barrieren aufzu-bauen und "alte Vorbehalte gegen den Katholizismus als wundersüchtig-aber-gläubischer Variante christlicher Religion" zu nähren und zu bestätigen schien (S. 239).

Adressaten und Angebote des Herz-Jesu-Kultes

Das wohl spannendste und aufregendste, weitgehend Neuland beschreitende Kapitel befaßt sich mit den Kultadressaten dieses Kultangebotes (S. 240 ff.), also mit der Frage nach "Möglichkeiten und Orten populärer Herz-Jesu-Verehrung" (S. 240). Dabei waren vor allem "religiöse Vergesellschaftungen" "das institutionelle Rückgrat des kollektiven Herz-Jesu-Kultes" (S. 240), voran die Bruderschaften, der "Standardtyp einer Devotionsorganisation" (S. 241), der allerdings in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Boomzeit des Herz-Jesu-Kultes, zunehmend unbedeutender wurde. Ihm gegenüber verzeichnete das Gebetsapostolat "einen großen Mobili-sierungserfolg" (S. 244). Es privatisierte gewissermaßen den Kult, das Gebetsapostolat war durch "das Bewußtsein gemeinsamer Gebetsanliegen" und eine "identische Frömmigkeitspraxis" geprägt (S. 244). Die im Gebetsapostolat verbun-denen Mitglieder erhielten den monat-lichen "Sendboten des Göttlichen Herzen Jesu", der nach Norbert Busch ein "gutes Beispiel für den kalkulierten Einsatz moderner Mittel für Frömmigkeitssteuerung" darstellte. Das Gebetsapostolat fand seine Attraktivität auch dadurch, daß es seinen Mitgliedern Raum für private, wenn auch ferngesteuerte und weitgehend identische Frömmigkeit und eine "individuelle Heilsversicherung" bot (S. 249). Das Gebetsapostolat wirkte zugleich individualisierend, aber auch milieu-stabilisierend: Es strebte an, ",alle wahrhaft katholischen Herzen`" zu bewegen, ",sich fester untereinander zu verbinden und ihre Reihen enger zu schließen`" (S. 249). Die "Ehrenwache des göttlichen Herzens Jesu" war ein besonderes "Devo-tionskonzept" mit einem exklusiven Selbstverständnis, da sich ihre Mitglieder ",als Leibgarde des göttlichen Herzens Jesu`" verstanden und sich in einer individuell ausgesuchten Stunde verpflich-teten, ",im Geiste vor dem Tabernakel`" sich einzufinden und dem Herzen Jesu ",alle Gedanken, Worte, Werke und Leiden zu opfern`" (S. 251). Zu einer Massenbewe-gung weitete sich schließlich das 1910 gegründete "Männerapostolat". Im Jahre 1933 waren 800.000 Männer beigetreten.

Die Monatszeitschrift erschien 1913 in einer Auflagenhöhe von 200.000. Das Ziel dieser Bewegung war "eine umfassende Mobilisierung der katholischen Männer", die Weckung der Bereitschaft zu ",mannhaftem Eintreten für die Sache Christi`". Sie sollten bereit sein, ",ihre täglichen Gebete, Arbeiten und Leiden dem göttlichen Herzen zu weihen`" und eifrig an der monatlichen Männerkommunion am Herz-Jesu-Sonntag teilzunehmen (S. 254). Das Männerapostolat, und dies erscheint als eine wichtige Funktion, sollte das "religiöse Fundament des katholischen Sozialmilieus" stärken (S. 255), männ-liches Standesbewußtsein revitalisieren und so zunehmenden Kirchenaustritten und Säkularisierungstendenzen vorbeugen.

Eine Fülle von Devotionalien: erbauliche Traktate, Aszesezeitschriften, Kalender, religiöse Bilder, vor allem Massendrucke, und Skapuliere standen den Gläubigen bei der Kultausübung zur Verfügung. Durch Massenherstellung bekamen die Andachts-gegenstände allerdings auch "Massenniveau", was nicht selten auch klerikale Kritik provozierte, auch die Sorge, "daß der Gebrauch der Devotionalien der geistlichen Kontrolle weitgehend entzogen war" (S. 266).

Das Herz-Jesu-Fest, 1856 von Pius IX. im liturgischen Kalender auf den Freitag nach der Fronleichnams-Oktav installiert, 1889 zum Fest "1. Klasse" erhoben, war "Kern-stück der kirchlichen Herz-Jesu-Andacht" und vermittelte eine feste Milieuanbindung und Möglichkeiten "einer alle Sinne erfassenden Kultinszenierung" (S. 266 f.). 1873 hatte Pius IX. zudem den Juni zum offiziellen Herz-Jesu-Monat ausgerufen. In vielen Gemeinden fanden wöchentliche Sonderandachten statt. Schließlich muß der Herz-Jesu-Freitag erwähnt werden, auf der "Großen Verheißung", einem mechanistischen Heilsversprechen basierend. "Zu einer schichtenübergreifenden Mobilisierung der Bevölkerung" führten auch die "Herz-Jesu-Weihen", von Bischöfen und Päpsten inszeniert, von den deutschen Bischöfen vor allem in den Zeiten des Kulturkampfes und im Ersten Weltkrieg, um nach außen die Geschlossenheit des Katholizismus, "religiöse Superiorität", aber auch "politische Zuverlässigkeit" zu demonstrieren (S. 268 f.).

Herz-Jesu-Kult - Frauenkult

Die Herz-Jesu-Frömmigkeit mit ihren vielfältigen Möglichkeiten privater und kollektiver Kultpraxis war eindeutig ein "Frauenkult" (S. 269). In der Mitgliederstruktur der Herz-Jesu-Organisationen waren Frauen mit bis zu 80% deutlich überrepräsentiert, und dieser weiblichen Dominanz entsprach "eine männliche Distanz" (S. 270). Der Trend zu einer verstärkten Feminisierung des Kultes versteht sich im 19. Jahrhundert wohl im Zusammenhang mit der Säkularisierung im Zuge des ökonomischen und sozialen Modernisierungsprozesses, bei dem zunehmend Männer der industriellen Unterschichten der Religion entfremdet wurden und wo - im Sinne einer religiösen Arbeitsteilung, auch einer "gottgewollten" Rollenverteilung - die Frau im Rahmen von Haushalt und Kindererziehung für die Religion zuständig schien (S. 272 f.). Auch mag die Herz-Symbolik und die "Sühnerethorik des Kultes" auf ein "weibliches Geschlechtsprofil" zugeschnitten gewesen sein und eine "Opfermentalität" verlangt haben, "wie sie die Frauen durch ihre soziale Rolle ohnehin internalisiert hatten" (S. 274).

Um "die männliche Kultakzeptanz" zu steigern, versuchten die Jesuiten, eine "Vermännlichung des Kultes" (S. 276), zumal dieser, auf die Offenbarungen Alacoqus zurückgehend, wegen seines ",allzu weichen, überschwenglichen oder süßen Tons ... den Männern zuwider sei`". Jesuiten propagierten Ende des 19. Jahrhunderts demzufolge ein neues, männlich zugeschnittenes Jesus-Bild: ",ein Mann von der Fußsohle bis zum Scheitel ... ein Mannesherz voll solider männlicher Tugend`", also eine "Maskulinisierung der Herz-Jesu-Devotion" (S. 277). Hier deutete sich nun nicht nur ein pastoraler Paradigmenwechsel, sondern darüberhinaus, allerdings mit nur mangel-haftem Erfolg, im Ersten Weltkrieg eine Tendenz an, den Herz-Jesu-Kult zum deutschen "National- und Siegeskult zu inthronisieren", der auch männlichen Katholiken entgegenkam (S. 278).

Herz-Jesu-Kult - Kult der Vielen

Der Herz-Jesu-Kult fand seine Basis im einfachen Volk, vor allem auf dem Land. Er war in seiner sozialen Reichweite eine "Religiosität der Vielen", insbesondere der ländlichen Bevölkerung (S. 280). Nur geringes Kultinteresse war in der katholischen Arbeiterschaft zu finden. Einen großen Anhang weist Norbert Busch für den Adel nach, in dessen religiöser Erziehung der Herz-Jesu-Kult dominierte. Das Bürgertum allerdings war in der Kultpraxis deutlich unterrepräsentiert, da viele katho-lische Bürger diese expressive und popu-äre Religiosität weniger praktizierten und zudem dessen ultramontane Ausrichtung ihren eher liberalen Religionsvorstellungen nicht entsprach.

Herz-Jesu-Kult - devotionale Verdichtung des Ultramontanismus

Der Herz-Jesu-Kult leistete somit als "religiöser Kitt" einen wesentlichen Beitrag zu Milieubildung und -festigung (S. 316): Er stellte - und das ist der zentrale Erkenntnisgewinn der Studie von Norbert Busch - eine "devotionale Verdichtung ultramontaner Mentalität" dar (S. 303), -da die für den Katholizismus des 19. Jahr-hunderts zentralen drei Verhaltensdispositionen in der Herz-Jesu-Metaphorik und Herz-Jesu-Rethorik repräsentiert erschei-nen: "Depressivität", "Defensivität" und "Antimodernität". Das leidende Herz Jesu zeigte "wie bedrohlich, ja feindlich sich die gesellschaftlichen Verhältnisse aus katholischer Perspektive darstellten" und bezeugte damit eine "depressive Wahrnehmung von Wirklichkeit" (S. 304). Das Herz Jesu war aber auch als "Arche", "Burg", "Hafen" "Ausdruck einer Defensivmenta-lität", es vermittelte den "Gläubigen Rückzug in eine hermetische Glaubenswelt", gesellschaftlich in ihr "Sozialmilieu" (S.305). Der Herz-Jesu-Kult mit seiner antimodernen Ausrichtung schließlich schloß die Verurteilung und Verdammung "sämtliche(r) Wert und Zielvorstellungen der Moderne" ein, war gegen Aufklärung und Revolution, gegen Wissenschaft und Rationalismus gerichtet (S. 306). In der religiösen Praxis manifestierte sich dieser Protest in "einem intensiven Wunderglauben" (S. 307).

"Depressivität, Defensivität bzw. Demonstrativität und Antimodernität" prägten mithin maßgeblich das Lebensgefühl der katholischen Bevölkerungsminderheit im Kaiserreich" (S. 307). Diese "drei zentralen mentalen Grundbefindlichkeiten konzentrierten sich auch im Herz-Jesu-Kult bis zum Ende des Ersten Weltkrieges" (S. 307). Seine weitere Entwicklung bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu verfolgen wäre eine spannende, aber neue Geschichte.

Mit diesem Beitrag wird eine Artikelserie zum Katholizismus im 19. Jahrhundert fortgesetzt.
Im einzelnen sind noch weitere Beiträge zu den Marienerscheinungen im saarländischen Marpingen und zum Kulturkampf vorgesehen. Der vorstehende Beitrag stützt sich auf:



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